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Credit: Marco Dupré

26.09.2025

„Friseurausbildung am Limit: 9 von 10 Azubis nicht richtig ausgebildet“

Azubis fühlen sich als billige Arbeitskräfte, TikTok-Videos schrecken BewerberInnen ab, und Institutionen blockieren sich gegenseitig. Marco Dupré will das nicht länger hinnehmen…

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Im Gespräch mit Raphaela Kirschnick

Wir gehen ins neue Ausbildungsjahr. Was sind deine Erwartungen?
Marco Dupré: Schwierig zu beantworten. Seit einem Schockmoment bei der letzten Freisprechfeier beschäftige ich mich intensiv mit der Frage, wie es mit der Friseurausbildung weitergehen soll.

Was ist passiert?
MD: Bei der Freisprechfeier meiner letzten Auszubildenden – die übrigens mit einer Eins in der Berufsschule abgeschlossen und als Innungsbeste in Frankfurt abgeschnitten hat – habe ich mich mit frisch gebackenen GesellInnen unterhalten. Ich wollte wissen, welche Perspektiven und Pläne sie für ihre Zukunft haben. Die Antworten waren schockierend: Viele wollen die Branche wechseln, fast alle aber definitiv ihren Salon verlassen.

Hast du nach dem Warum gefragt?
MD:
Ja, und das war das Schlimme. Unisono kam die Antwort: „Wir haben nichts gelernt, sind gerade so mit den Basics durch die Prüfung gekommen und wurden im Salon nur als billige Arbeitskräfte für Service oder Putzen eingesetzt.“ Sie fühlten sich nicht als FriseurInnen. Diese Aussage kam von 9 von 10 jungen Menschen.

Das sind 90 %, das ist fatal.
MD: Noch schlimmer: Das ist die Realität. Azubis werden mit Ach und Krach durch die Prüfungen geschleust, beherrschen gerade mal die Grundlagen. Auf TikTok machen viele ihrem Frust Luft und berichten, wie schlecht die Ausbildung im Friseurhandwerk läuft.

Hast du selbst ähnliche Erfahrungen gemacht?
MD: Ja. Vor kurzem hat sich ein Azubi im zweiten Lehrjahr bei mir beworben, der wechseln wollte. Weißt du was? Er hatte noch nie eine Haarschneideschere in der Hand und wusste, dass er die Zwischenprüfung nicht schaffen wird.

Und was machst du mit ihm?
MD: Ich habe ihn übernommen und trainiere ihn. Jetzt muss ich ihm innerhalb von vier Monaten so viel beibringen, dass er wenigstens die Zwischenprüfung (GP1) bestehen kann.

Das klingt nach einem systemischen Problem. Was hast du unternommen?
MD: Ich habe einen Termin mit Handwerkskammer und Innung vereinbart. Aber dort schaut man nur auf die Zahlen – was auf dem Papier steht – und nicht darüber hinaus. In Frankfurt am Main gibt es rund 1.000 Salons, davon nur 95 Ausbildungssalons.

Und was war das Ergebnis?
MD: Es hat sich herausgestellt, dass es seit Jahren keine Kommunikation zwischen Handwerkskammer, Innung, Berufsschulen und Salons gibt. Jeder bleibt in seiner starren Position, ein Miteinander existiert nicht.

Konntest du das aufbrechen?
MD: Ich habe alle Themen auf den Tisch gelegt. Die Berufsschule war bei diesem Gespräch gar nicht vertreten. Die Innung darf höchstens Seminare anbieten, Salons werden gar nicht gehört. Niemand fühlt sich verantwortlich, mit schlechten Ausbildungssalons zu reden. Es gibt eindeutige Hinweise – etwa Azubis, die in Prüfungen mit Drogeriehaarfarbe arbeiten mussten, weil sie im Salon kein Material gestellt bekommen haben.

Und was passiert jetzt?
MD: Offenbar war ich der Erste, der sich so deutlich beschwert hat.

Beschweren sich die Auszubildenden nicht selbst?
MD: Nein. Sie trauen sich nicht, ihre AusbilderInnen zu kritisieren. Sie haben Angst und brechen lieber ihre Ausbildung ab.

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Die Handwerkskammer will keine Ausnahme für das Friseurhandwerk machen, die Innung will es sich mit ihren wenigen Mitgliedern nicht verscherzen.

Wird das nicht überprüft?
MD:
Das habe ich gehofft. Aber am Ende schieben sich alle den Ball gegenseitig zu. Die Handwerkskammer will keine Ausnahme für das Friseurhandwerk machen, die Innung will es sich mit ihren wenigen Mitgliedern nicht verscherzen.

Gab es denn Lösungsansätze?
MD: In der Frankfurter Innung fehlt ein Lehrlingswart – eigentlich das Sprachrohr für Azubis. Ich habe angeboten, diese Aufgabe ehrenamtlich zu übernehmen.

Das klingt großartig. Wann startest du?
MD: Noch gar nicht. Die Innung meint, dazu müsste ich Mitglied werden. Ganz ehrlich: Ich sehe nicht, welchen Mehrwert die Innung mir bietet. Das wird jetzt Innungsintern besprochen, ich bin gespannt, wie sie sich entscheiden.

Gab es noch weitere Ergebnisse?
MD: Ja. Die Handwerkskammer will die Prüfungsleistungen der letzten sieben Jahre auswerten. Salons mit auffällig schlechten Ergebnissen ihrer Azubis sollen als „Red Flags“ markiert werden. Aber Kammer und Innung haben Angst, dass diese Betriebe dann gar nicht mehr ausbilden – und die Zahl der Ausbildungsplätze noch weiter sinkt.

Wie sieht es mit Bewerbungen aus?
MD: Ich hatte dieses Jahr 23 gute Bewerbungen, aber Kapazität nur für einen Azubi pro Lehrjahr. Eigentlich sollten es mehr sein. Doch Kampagnen auf TikTok suggerieren aktuell, dass die Friseurausbildung nicht empfehlenswert ist. Junge Leute erzählen dort: „Ich putze nur“ oder „Ich weiß immer noch nicht, wie man Haare schneidet.“ Das schreckt ab.

Wie motivierst du deine Auszubildenden?
MD: Möglichst früh fit machen! Im zweiten Lehrjahr arbeiten unsere Azubis meist schon voll mit. Wir haben eine sehr geringe Krankheitsrate und eine hohe Zufriedenheit, denn sie fühlen sich gebraucht. Das ist wichtig für die Generation Z.

Im zweiten Lehrjahr 1.300 € netto…

Was verdienen deine Auszubildenden?
MD: Im zweiten Lehrjahr ca. 1.300 € netto, im dritten mehr – je nach Können. Im ersten Lehrjahr gibt es den Kollektivlohn, aber sobald eigene Umsätze geschrieben werden, steigt er um etwa 300 €. Ich investiere viel in Weiterbildung: Alle Azubis bekommen Intensivschulungen und nehmen an Meisterseminaren teil. Außerdem stelle ich sämtliches Material – von der Schere bis zum Kamm.

Wie eng kommunizierst du mit deinem Nachwuchs?
MD: Sehr eng. Mir ist wichtig, dass die jungen Leute sich selbst reflektieren können. Wir sprechen über Ziele und Wünsche. Natürlich helfen sie auch im Alltag, etwa bei Wäsche oder Handtüchern – aber sie müssen nicht die Toilette putzen. Zunächst arbeiten sie am Übungskopf, dann an Modellen und so schnell wie möglich direkt am Kunden.

Und wie läuft es mit den Berufsschulen?
MD: Leider sehr schlecht. Die Berufsschule ist komplett abgekoppelt, obwohl wir ein duales System haben. Viele LehrerInnen wissen nicht, was in den Betrieben passiert. Das System ist stark veraltet.

Wie könnte man das verbessern?
MD: Indem man alle Beteiligten an einen Tisch bringt – auch die Salons. Infoabende sollten auch für die Ausbildungsbetriebe verpflichtend sein. Nur so funktioniert echte Kommunikation.

Wie bist du mit der Handwerkskammer verblieben?
MD: Ich warte die Auswertungen ab und hoffe, dann auch kontaktiert zu werden. Da bleibe ich dran. Und mal sehen, ob die Innung meine Bewerbung als Lehrlingswart akzeptiert.

Ich finde es toll, dass du dich dafür einsetzt.
MD: Es muss dringend etwas passieren. Wenn niemand aktiv wird, bleibt alles wie es ist – noch jahrzehntelang. Wir brauchen Mutige, die sich ehrenamtlich engagieren.

Vielen Dank, Marco, für deinen Einsatz und viel Erfolg. Ich bin gespannt, wie es weitergeht.

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