Im Gespräch mit Raphaela Kirschnick
Wir gehen ins neue Ausbildungsjahr. Was sind deine Erwartungen?
Marco Dupré: Schwierig zu beantworten. Seit einem Schockmoment bei der letzten Freisprechfeier beschäftige ich mich intensiv mit der Frage, wie es mit der Friseurausbildung weitergehen soll.
Was ist passiert?
MD: Bei der Freisprechfeier meiner letzten Auszubildenden – die übrigens mit einer Eins in der Berufsschule abgeschlossen und als Innungsbeste in Frankfurt abgeschnitten hat – habe ich mich mit frisch gebackenen GesellInnen unterhalten. Ich wollte wissen, welche Perspektiven und Pläne sie für ihre Zukunft haben. Die Antworten waren schockierend: Viele wollen die Branche wechseln, fast alle aber definitiv ihren Salon verlassen.
Hast du nach dem Warum gefragt?
MD: Ja, und das war das Schlimme. Unisono kam die Antwort: „Wir haben nichts gelernt, sind gerade so mit den Basics durch die Prüfung gekommen und wurden im Salon nur als billige Arbeitskräfte für Service oder Putzen eingesetzt.“ Sie fühlten sich nicht als FriseurInnen. Diese Aussage kam von 9 von 10 jungen Menschen.
Das sind 90 %, das ist fatal.
MD: Noch schlimmer: Das ist die Realität. Azubis werden mit Ach und Krach durch die Prüfungen geschleust, beherrschen gerade mal die Grundlagen. Auf TikTok machen viele ihrem Frust Luft und berichten, wie schlecht die Ausbildung im Friseurhandwerk läuft.
Hast du selbst ähnliche Erfahrungen gemacht?
MD: Ja. Vor kurzem hat sich ein Azubi im zweiten Lehrjahr bei mir beworben, der wechseln wollte. Weißt du was? Er hatte noch nie eine Haarschneideschere in der Hand und wusste, dass er die Zwischenprüfung nicht schaffen wird.
Und was machst du mit ihm?
MD: Ich habe ihn übernommen und trainiere ihn. Jetzt muss ich ihm innerhalb von vier Monaten so viel beibringen, dass er wenigstens die Zwischenprüfung (GP1) bestehen kann.
Das klingt nach einem systemischen Problem. Was hast du unternommen?
MD: Ich habe einen Termin mit Handwerkskammer und Innung vereinbart. Aber dort schaut man nur auf die Zahlen – was auf dem Papier steht – und nicht darüber hinaus. In Frankfurt am Main gibt es rund 1.000 Salons, davon nur 95 Ausbildungssalons.
Und was war das Ergebnis?
MD: Es hat sich herausgestellt, dass es seit Jahren keine Kommunikation zwischen Handwerkskammer, Innung, Berufsschulen und Salons gibt. Jeder bleibt in seiner starren Position, ein Miteinander existiert nicht.
Konntest du das aufbrechen?
MD: Ich habe alle Themen auf den Tisch gelegt. Die Berufsschule war bei diesem Gespräch gar nicht vertreten. Die Innung darf höchstens Seminare anbieten, Salons werden gar nicht gehört. Niemand fühlt sich verantwortlich, mit schlechten Ausbildungssalons zu reden. Es gibt eindeutige Hinweise – etwa Azubis, die in Prüfungen mit Drogeriehaarfarbe arbeiten mussten, weil sie im Salon kein Material gestellt bekommen haben.
Und was passiert jetzt?
MD: Offenbar war ich der Erste, der sich so deutlich beschwert hat.
Beschweren sich die Auszubildenden nicht selbst?
MD: Nein. Sie trauen sich nicht, ihre AusbilderInnen zu kritisieren. Sie haben Angst und brechen lieber ihre Ausbildung ab.