Wie reagieren die Kursteilnehmenden?
AM: Es ist eine Kunst, das zu erklären, ohne ungewollt eine „Revolte“ auszulösen oder gar den Eindruck zu erwecken, graue Umsätze seien eine Option. Gerade im Meisterkurs müssen wir die Realität jedoch ohne Sprechverbote durchexerzieren. Diejenigen, die sofort nach bestandener Meisterprüfung selbstständig werden wollen, sind überwiegend unsere Migranten im Kurs, denen das deutsche Sozialabgaben- und Steuersystem zunächst komplett fremd ist.
Wie reagiert diese Gruppe konkret auf die Lohnberechnung?
AM: Die ersten Migranten verstanden überhaupt nicht, warum sie von ihrem Einkommen so viele Abzüge haben sollen, woher sollte sie es auch wissen, in ihrer Heimat-Welt gibt es das nicht. Vielen hat es den anfänglichen Traum von einer sehr lukrativen Selbstständigkeit in Deutschland empfindlich gestört. Inzwischen hat es sich zwar beruhigt, aber insgesamt ist geduldige Aufklärungsarbeit noch immer äußerst wichtig. Man kann leichthin darauf verweisen, dass sich mit diesen Abgaben u.a. die Unterstützung finanzieren muss, die sie selbst bei ihrer Ankunft erhalten haben.
Und wie reagiert der Rest der Gruppe?
AM: Eben nicht viel anders, fast alle sind zunächst verwundert. Unsere Meister müssen damit aktiv umgehen können, das ist essenziell für die Unternehmensplanung, vor allem für Mitarbeitergespräche auf beiden Seiten, für das Verständnis, warum Unternehmen heute höhere Preise bei weiterhin hoher Auslastung brauchen. Es wird viel echte Unternehmerqualität brauchen, um – ich sage das bewusst unmissverständlich – auch morgen noch auf legale Weise genug erwirtschaften zu können.
Interessiert das Mitarbeitende in Personalgesprächen überhaupt?
AM: Ja, absolut. Wenn man mit Tatsachen kommt und die Struktur des Abgabensystems mit Arbeitgeberanteilen, Umlagen, Beiträgen und den Zweck der Geldverwendung einfach erklärt. Nur Unwissenheit birgt die Gefahr, dass Mitarbeitende ihre Chefs bei geforderten Mindest-Sollumsätzen unterschwellig der Ausbeutung verdächtigen – solange sie die Gesamtrechnung nicht kennen.
Der klassisch große Unterschied zwischen Theoria und Unternehmerpraxis?
AM: Genau. Wir müssen unser wirtschaftliches Übungsfeld doch als erstes genau kennen – wenn ich nur an Billigsalons, Barbershops und die stark wachsende Schattenwirtschaft denke, in die sich die flüchten, die es legal nicht schaffen (können oder wollen).
Und dennoch sollten wir einen klaren Abstand zum Mindestlohn schaffen!
AM: Mit dem neuen Mindestlohn brauchen wir natürlich einen deutlichen Lohn-Abstand für die leistungsstarken Fachkräfte. Woher soll der kommen? Nur dadurch, dass wir besser werden und für unsere Kunden attraktiv bleiben, auch nachdem wir teurer werden mussten. Die höheren Löhne zahlen ja nicht die Chefs, sondern die Kunden über steigende Preise!