Was habt ihr daraus mitgenommen?
BH: Es war lehrreich, aber frustrierend. Wir sehen inzwischen einen faktisch flächendeckenden Parallel-Fachgroßhandel für Barber in ganz Deutschland und dieser wächst enorm.
Wie funktioniert der?
BH: Überwiegend fahren Händler mit umgebauten Kleinbussen vor, bieten Ware direkt aus dem Fahrzeug an und kassieren sofort bar.
Also keinerlei Nachvollziehbarkeit.
BH: Ja! Hinzu kommt eine schwache Zahlungsmoral. Offizielle Rechnungen bleiben offen, vieles wird bewusst bar und „unter dem Radar“ abgewickelt.
Die 19 % Vorsteuer sind für Unternehmen doch ein Durchlaufposten.
BH: Richtig – in der Theorie. Aber viele kennen unser Steuersystem nicht oder ignorieren es. Vorsteuer nutzen ja nur, wenn man auch Umsatzsteuer zahlt … Je mehr schwarz eingekauft wird, desto undurchsichtiger wird das gesamte System.
Auch Kunden berichten, dass viele Barbershops nur Bargeld akzeptieren. Wie geht ihr damit um?
BH: Das System aus Schwarzarbeit und Bargeldflüssen wächst. Es gibt oft keine regulären Mietverträge; Beschäftigte sind teilweise nicht oder nur Teilzeit gemeldet und erhalten bar Umsatzbeteiligungen - am Schwarzgeld. Das untergräbt unser Sozialsystem.
Welche weiteren Einblicke konntet ihr gewinnen?
BH: In manchen Läden verhandeln Arbeitnehmer über Umsatzbeteiligungen von 40, 50 bis 60 %. Und die kriegen das vom Schwarzumsatz.
Offizielle Statistiken zeigen mehr männliche Beschäftigte mit ausländischer Staatsbürgerschaft – gleichzeitig machen Männer rund 30 % der geringfügig Beschäftigten aus.
BH: In der Praxis arbeitet dort kaum jemand nur drei Stunden. Viele machen acht bis zehn Stunden – täglich. Das führt das deutsche System ad absurdum, und das inzwischen flächendeckend bundesweit.
Was wäre die Lösung?
BH: Konsequente, wirksame Kontrollen in allen Teilen Deutschlands und täglich. Die Politik redet bloß groß, unternimmt nichts Wirksames, aktuell sind die wenigen Kontrollen nur ein Tropfen auf den heißen Stein.
Leider gibt es keine offiziellen Zahlen zum Anteil Barbershops versus Friseursalon. Kannst du, aufgrund deiner Erfahrung im Markt, eine grobe Schätzung abgeben?
BH: Beispiel Hamburg: Von rund 1.800 Friseurbetrieben sind heute mindestens 500 Barbershops – Tendenz stark steigend. Wir bieten auch Saloneinrichtung an. Von zehn angehenden GründerInnen sind derzeit überwiegend Kurden, Türken, Afghanen und sehr viele Syrer dabei. Sie lassen sich bei uns beraten, sammeln Ideen. Inzwischen gibt es auch eine parallele Einrichtungswelt: Türkische Architekten vermessen vor Ort, die Einrichtung wird in der Türkei maßgefertigt und geliefert. Eine Komplettausstattung, die bei uns 20.000–30.000 € kostet, bekommen sie dort für etwa 4.000 – 6.000 €.
Gibt es offizielle Zahlen zu Barbershop-Neueröffnungen?
BH: Nein. Aus Beobachtung: Von 10 neu entstehenden Salons sind leider 8 Barbershops – mittlerweile auch in allen ländlichen Regionen - flächendeckend. Handwerklich sind viele gut, keine Frage. Aber es ist unfair gegenüber allen, die sich an Gesetze halten und in die Sozialkassen einzahlen. Und der Staat brilliert mit Lippenbekenntnissen, aber schaut in Wahrheit konsequent weg.
Ihr habt viele Adressen gesammelt und wisst, wo was läuft. Meldet ihr das?
BH: Nein, ich muss auf mein Leben achten, denn ein Großteil ist organisiert, von Schwarzgeld, Menschenhandel bis Geldwäsche. Die Regierung soll hier endlich ihren Job machen.
Wie geht es für Stopperka weiter?
BH: Der arabisch-türkische Barbermarkt wird weiterwachsen, aber deutsche Händler werden nicht partizipieren – er ist uns längst entglitten.
Und wie geht es für Mehrzad weiter?
BH: Wir haben uns sehr schweren Herzens getrennt. Wirtschaftlich hat es sich nicht gerechnet, die Investition lohnt sich leider nicht. Er hat hart gearbeitet und war gleichermaßen frustriert – guter Wille und viele Illusionen sind zerplatzt.
Was passiert mit The Shave Factory?
BH: Die Marke führen wir natürlich weiter. Wir haben einen kleinen Kundenstamm aufgebaut, den jetzt unser bestehender Außendienst weiter betreut.
Dennoch, ich möchte nicht aufgeben und finde, wir müssen als Branche viel lauter werden. Deshalb haben wir auch unter anderem deinen Zukunftskongress unterstützt. Die Politik muss endlich aufwachen.
2026 wird leider kein Kongress stattfinden, aber wir bleiben politisch dran.
BH: Sehr schade. Du hast der Branche eine Stimme gegeben und die Defizite sichtbar gemacht. Dem deutschen Friseur geht es schlicht nicht gut.
Zum Schluss: Gibt es auch einen Lichtblick?
BH: Wir lassen uns nicht kleinkriegen. 2026 feiern wir unser 70-jähriges Jubiläum – gekrönt von unserer Hausmesse am 5. und 6. September 2026. Darauf freuen wir uns sehr.
Der Termin ist notiert. Danke für das Gespräch – und weiterhin viel Erfolg!