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Credit: AdobeStock, nicoletaionescu

28.07.2026

Warum dich Salonstress härter trifft als deine Kollegin

Zwei KollegInnen im selben Salon, unter derselben Belastung, reagieren unterschiedlich. Warum? Susanne Drexel weiß, dass der Grund dafür nicht am Arbeitsplatz liegt, sondern schon viel früher beginnt.

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Kolumne von Susanne Drexel, Mentalcoach und ehemalige Friseurunternehmerin

Manche Menschen gehen nach einem stressigen Tag erschöpft, aber zufrieden nach Hause. Andere brauchen tagelang, um sich davon zu erholen. Dabei war es objektiv derselbe Tag. Derselbe Druck, dieselbe Deadline, dieselben Erwartungen von außen.

Warum reagieren zwei Menschen auf dieselbe Belastung so unterschiedlich?

Ich stelle mir diese Frage seit Jahren. Erst als Betroffene, dann als Fachkraft für Stressmanagement, heute als Mentalcoach. Und je länger ich mich damit beschäftige, desto klarer wird mir: Die übliche Antwort greift zu kurz.

Die übliche Antwort lautet meistens: Belastbarkeit ist Typsache. Der eine kann eben mehr ab, die andere weniger. Klingt einleuchtend, stimmt aber nur an der Oberfläche. Belastbarkeit fällt nicht vom Himmel. Sie hat eine Geschichte.

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Warum bist du gestresst, ist die falsche Frage

Wenn Menschen über Stress sprechen, geht es fast immer um Termine, Kundschaft, Personalmangel, den vollen Terminkalender. Reale Themen, keine Frage. Aber sie erklären nicht, warum zwei Menschen unter denselben Bedingungen so unterschiedlich reagieren.

Die Frage, die mich seit Jahren beschäftigt, lautet deshalb anders. Nicht: Warum bist du gestresst? Sondern: Wann hast du gelernt, so auf Stress zu reagieren?

Viele Stressreaktionen entstehen nicht erst im Erwachsenenalter. Unser Nervensystem lernt schon früh, beobachtet, entwickelt Strategien, die uns Sicherheit geben sollen. Was dich als Kind geschützt hat, kann Jahrzehnte später zur Belastung werden. Am Stuhl, an der Kasse, im Team, mitten im ganz normalen Alltag.

Vier Geschichten, ein Beruf

Aus meiner Arbeit kenne ich vier Muster besonders gut. Vielleicht erkennst du dich selbst darin. Vielleicht eine Kollegin oder einen Kollegen.

  • Die Geschichte der Verantwortung. Du bist die oder der, die alles am Laufen hält. Springst ein, wenn jemand krank wird. Übernimmst den schwierigen Kunden, weil du weißt, dass du es hinbekommst. Nein sagen fühlt sich für dich nicht wie eine Option an, sondern wie etwas, das man einfach nicht macht. Von außen wirkst du stark, zuverlässig, unverzichtbar. Von innen bist du oft erschöpft, lange bevor es jemand merkt, manchmal auch du selbst.
  • Die Geschichte der Harmonie. Konflikten gehst du lieber aus dem Weg. Ein unzufriedener Kunde, eine Spannung im Team, eine Bitte, die dir eigentlich zu viel ist. Du schluckst es runter, lächelst weiter, machst mit. Nicht weil du keine Meinung hättest. Weil du früh gelernt hast, dass es sicherer ist, niemanden zu enttäuschen, als für dich selbst einzustehen.
  • Die Geschichte der Leistung. Dein Wert hängt für dich an dem, was du leistest. Volle Bücher, gute Bewertungen, zufriedene Stammkundschaft. Eine ruhige Minute zwischen zwei Terminen fühlt sich nicht nach Erholung an, sondern nach schlechtem Gewissen. Pause machen musst du erst lernen. Leisten kannst du schon lange.
  • Die Geschichte der Wachsamkeit. Du denkst mit, bevor andere überhaupt merken, dass etwas ansteht. Den Terminkalender hast du im Kopf, auch abends noch, auch am freien Tag. Abschalten fällt dir schwer, weil ständige Aufmerksamkeit für dich schon immer mit Sicherheit verbunden war. Entspannung fühlt sich manchmal fast gefährlich an, so als würdest du etwas übersehen.

Vier Geschichten, ein und derselbe Beruf. Zwei Menschen im gleichen Team, unter derselben Belastung an einem vollen Samstag, gehen völlig unterschiedlich damit um. Der Unterschied liegt nicht in der Willenskraft. Er liegt darin, was du mitbringst, lange bevor der erste Termin am Empfang steht.

Warum Atemübungen allein oft nicht reichen

Atemübungen, Bewegung, ein freier Tag in der Woche, das alles ist wertvoll, und ich rate niemandem davon ab. Aber viele machen alles richtig und fühlen sich trotzdem gestresst. Der Grund ist einfach: Meistens wird das Symptom behandelt, während die eigentliche Geschichte dahinter unberührt bleibt. Du kannst noch so oft tief durchatmen, wenn du nie gelernt hast, Nein zu sagen, bringt dich das nicht wirklich weiter.

Meine eigene Geschichte

Ich kenne dieses Muster auch von innen, sehr genau sogar. Neun Jahre lang habe ich kaum wirklich Urlaub gemacht. Einfach durchgehalten, funktioniert, geliefert. Burnout? Dafür hab ich keine Zeit, das habe ich tatsächlich lange gedacht. Bis mein Körper andere Pläne hatte. Ein Burnout und ein Bandscheibenvorfall haben mich gestoppt, meinen Beruf als Friseurunternehmerin musste ich aufgeben. Später kam noch ein Herzinfarkt dazu.

Verstanden habe ich erst danach, dass es nicht an zu wenig Einsatz gelegen hat. Ganz im Gegenteil. Es lag daran, dass ich meine eigene Geschichte nie wirklich angeschaut habe. Ich habe funktioniert, wie ich es gelernt hatte, ohne mich je zu fragen, warum eigentlich.

Was wirklich hilft

Ich sage bewusst nicht, dass du das jetzt tiefenpsychologisch aufarbeiten musst. Das ist auch gar nicht mein Ansatz. Es geht um etwas viel Einfacheres und trotzdem Wirksames: zu verstehen, woher deine eigenen Reaktionen kommen. Welche der vier Geschichten dich prägt, vielleicht auch mehrere gleichzeitig.

Wenn du das weißt, kannst du deine Stressprävention gezielt danach ausrichten. Nicht nach dem Gießkannenprinzip mit denselben Tipps für alle, sondern genau dort, wo es bei dir wirklich ansetzt. Wenn dein Muster Verantwortung heißt, hilft dir eine Atemübung wenig, solange du nicht auch lernst, Aufgaben abzugeben. Wenn dein Muster Harmonie heißt, bringt dir der schönste freie Tag wenig, solange du dich nicht traust, auch mal Nein zu sagen.

Warum das auch das ganze Team stärker macht

Wenn du deine eigene Geschichte verstehst, verändert sich noch etwas anderes: der Blick auf die Menschen um dich herum. Die Kollegin, die ständig einspringt, tickt anders als die Kollegin, die sich lieber zurückzieht, wenn es hektisch wird. Nicht besser, nicht schlechter. Einfach anders geprägt.

Ohne dieses Wissen entstehen im Team schnell Missverständnisse. Die Verantwortungs-Kollegin wirkt kontrollierend, dabei kann sie einfach schwer loslassen. Die Harmonie-Kollegin wirkt konfliktscheu, dabei will sie niemanden verletzen. Wer viel leistet, wird schnell als Streberin abgestempelt, kämpft innerlich aber oft mit einem Selbstwert, der an jeder Bewertung hängt. Und wer alles im Kopf mitdenkt, wirkt kontrollierend oder nervös, obwohl dahinter meistens einfach jahrelang gelernte Wachsamkeit steckt.

Sobald ein Team versteht, dass hinter jedem dieser Verhaltensweisen eine eigene Geschichte steckt und keine böse Absicht, verändert sich der Umgang miteinander. Aus Reibung wird Verständnis. Aus stillem Ärger wird ein offenes Gespräch. Ihr fangt an, einander zu decken, statt euch gegenseitig zu bewerten.

Und genau das ist am Ende der Punkt. Ein Salon lebt vom Team. Allein hältst du einen anstrengenden Samstag vielleicht noch aus. Auf Dauer stark bleibt ihr nur gemeinsam.

Genau da setze ich in meinen Salon-Coachings mittlerweile auch praktisch an. Dafür habe ich ein eigenes Webtool entwickelt, mit dem Teams ihre unterschiedlichen Stressmuster sichtbar machen können, als Grundlage für ein Gespräch, das sonst oft gar nicht stattfindet.

Der Unterschied beginnt nicht am Arbeitsplatz

Zwei Kolleginnen oder Kollegen im selben Salon, unter derselben Belastung, reagieren unterschiedlich. Der Unterschied entsteht nicht am Arbeitsplatz. Er entsteht viel früher, in der Geschichte, die jede und jeder von euch mitbringt.

Stress hat eine Geschichte. Nicht irgendeine Geschichte. Sondern deine.

Über Susanne Drexel

Susanne Drexel ist Mentalcoach, Achtsamkeitslehrerin nach Maren Schneider und Fachkraft für Stressmanagement (IHK). Sie arbeitet mit Methoden der positiven Psychologie nach Dr. Seligman. Als ehemalige Friseurunternehmerin hat sie selbst erlebt, was passiert, wenn ein System keine Prävention kennt. Heute begleitet sie Salonteams und Betriebsinhaber auf dem Weg zu mehr mentaler Stärke, Resilienz und echter Freude am Beruf.

Kontakt

Trainer-Speaker-Coach Susanne Drexel
info@susannedrexel.de

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