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Credit: Ben Hammer

23.07.2026

Wir dürfen kein Lohn- und Preisdumping betreiben

Innungsmitgliedschaft kann heute nicht mehr allein mit Tradition begründet werden, erklärt Fred Schumacher, designierter Geschäftsführer des Zentralverbands des Deutschen Friseurhandwerks und beschreibt mit welchen Themen er das Friseurhandwerk nach vorne begleiten möchte…

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Raphaela Kirschnick im Gespräch mit Fred Schumacher, designierter Geschäftsführer des Zentralverbands des Deutschen Friseurhandwerks

Herr Schumacher, Sie sind offiziell zum neuen Geschäftsführer des Zentralverbands gewählt worden und starten am 1. September. Trotzdem stehen Sie schon heute Rede und Antwort. Können Sie es nicht erwarten, loszulegen?
Fred Schumacher: Der bisherige Geschäftsführer ist bereits ausgeschieden, deshalb steige ich schon jetzt schrittweise ein, um die Menschen kennenzulernen und aktuelle Themen mitzuerleben. Mit Neugier springe ich dort hinein, wo ich etwas beitragen kann. Gleichzeitig habe ich die Chance, zunächst zuzuhören, die Themen der Branche aufzunehmen und mir Gedanken zu machen, statt erst am 1. September bei null anzufangen.

Welche Einstellung hatten Sie zum Friseurhandwerk, bevor Sie tiefer eingestiegen sind, was ist anders als erwartet?
FS: Ich komme aus einem elterlichen Friseurbetrieb und weiß daher, was es bedeutet, einen Familienbetrieb zu führen. Ich kenne die Herausforderungen und Sorgen, das ist meine persönliche Prägung. Hinzu kam meine Arbeit am Forschungsinstitut für Berufsbildung im Handwerk. In dieser Funktion durfte ich den Zentralverband bei der Neuordnung der Meisterprüfungsverordnung begleiten. Dadurch bekam ich einen strukturelleren Einblick: Welche Themen beschäftigen das Friseurhandwerk, wie geht die Branche damit um und welche Lösungen werden gesucht?

Was unterscheidet das Friseurhandwerk vom restlichen Handwerk?
FS: Es gibt hier etwas sehr Emotionales, das tiefer liegt als mein wissenschaftlicher Blick. Damit hat mich die Branche genau dort abgeholt, wo ich meine nächsten beruflichen Jahre verbringen und Wirkung entfalten möchte.

Was hat Sie überrascht?
FS: Die wirtschaftliche Stärke der Branche, die häufig unterschätzt wird. Rund 80.000 Betriebe und knapp 8 Milliarden Euro Jahresumsatz sind eine relevante Größenordnung. Diese Dimension war auch mir nicht bewusst. Darin liegen enorme Möglichkeiten.

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Innungsmitgliedschaft kann heute nicht mehr allein mit Tradition begründet werden.

Fred Schumacher

Gibt es bereits Schwerpunkte, die Sie setzen möchten, oder ist es dafür zu früh?
FS: Ich möchte zunächst zuhören, die Sachlage verstehen und gemeinsam mit der Praxis Lösungen entwickeln. Gleichzeitig beginnt man ein solches Amt nicht ohne inneren Kompass. Ein großes Anliegen ist mir, den Verband und die Verbandslandschaft nach außen und nach innen weiterzuentwickeln. Nach außen sollten wir gegenüber Politik eine starke Stimme sein. Wir vertreten eine wirtschaftlich bedeutende und attraktive Branche. Diese Bedeutung muss in der politischen Diskussion sichtbarer werden.

Was bedeutet Veränderung nach innen?
FS: Innungsmitgliedschaft kann heute nicht mehr allein mit Tradition begründet werden. Diese Zeiten sind vorbei, und das zeigen die Zahlen. Mit einer Organisationsquote von ungefähr 10 % sind wir nicht dort, wo wir sein müssten, um selbstverständlich für die gesamte Branche sprechen zu können. Für mich ist das der Auftrag offen zuzuhören und auch Kritik auszuhalten.

Die Branche ist sehr vielfältig. Spiegelt sich das in den Gremien und in der Verbandsarbeit ausreichend wider?
FS: Noch nicht überall. Zunächst möchte ich ausdrücklich betonen, dass unser Ehrenamt und die Verbandsarbeit vom großen Engagement vieler Kolleginnen und Kollegen leben. Dafür bin ich sehr dankbar. Ohne diesen Einsatz wäre vieles nicht möglich.
Gleichzeitig bin ich überzeugt, dass wir die Vielfalt unseres Handwerks im Verband noch besser abbilden können. Wir müssen mehr Menschen für ein Engagement gewinnen und offen sein für unterschiedliche Lebenswege, Unternehmensformen und Perspektiven. Dazu gehören klassische Salons ebenso wie Barbershops, Premiumkonzepte, kleine Betriebe und größere Unternehmen.

Denn nur wenn sich diese Vielfalt im Verband wiederfindet, können wir die Interessen der gesamten Branche glaubwürdig und mit einer starken Stimme vertreten.

Was bedeutet für Sie Verbandsarbeit?
FS: In einer immer komplexeren Welt müssen wir sehr konkrete Lösungen liefern: Angebote, bei denen ein Betrieb sagen kann, das ist geprüft, es hilft mir und ich kann es direkt einsetzen. Wenn wir dadurch Betriebsinhaberinnen und Betriebsinhabern ermöglichen, gute Arbeit zu leisten, ihren Betrieb am Markt zu halten und hochwertig auszubilden, ist bereits viel erreicht. Verbandsarbeit und Ehrenamt müssen wieder so wahrgenommen werden, dass Menschen Lust haben, Mitglied zu sein und sich für ihr Handwerk einzubringen.

Welche Rolle kann Digitalisierung dabei spielen?
FS: Digitalisierung bietet eine große Chance. Der Zentralverband kann Angebote entwickeln, die über die Innungen stärker vor Ort wahrnehmbar werden. Ein Beispiel ist das digitale Berichtsheft, das Ausbildungsbetriebe dabei unterstützt, qualitativ hochwertiger auszubilden. Entscheidend ist, dass digitale Angebote nicht abstrakt bleiben, sondern den Arbeitsalltag konkret erleichtern.

Allerdings bilden nur noch knapp 10 % der Betriebe aus und auch sonst reist Kritik am Ausbildungskonzept nicht ab.
FS: Strukturelle Probleme müssen klar benannt werden: Wir brauchen Reformen und können an vielen Stellen nicht einfach weitermachen wie bisher. Bitte erlauben Sie mir, dass ich hier noch mehr Einblicke benötige.

Der Zentralverband hat sich zuletzt kritisch zu den Rentenplänen und einer starken Einschränkung von Minijobs positioniert. Wie weit ist diese Position in der Politik angekommen?
FS: Unsere Dachorganisationen, der Zentralverband des Deutschen Handwerks verfügt über direkte politische Kanäle, die zu diesem Thema intensiv bespielt werden. Minijobs sind nicht nur für das Friseurhandwerk relevant. Mögliche Auswirkungen betreffen zahlreiche Gewerke. Ich erwarte nicht zwingend, dass diese Reform zurückgedreht wird. Aber dann brauchen wir praktikable Alternativen.

Arbeit darf nicht auf Kosten der Beschäftigten billig gehalten werden.

Fred Schumacher

Neulich meinten Sie „Ein Friseurbesuch muss leistbar sein“. Wie teuer darf ein Friseurbesuch denn sein?
FS: Eine pauschale Zahl kann ich derzeit nicht seriös nennen. Ich halte es aber für sehr schwierig, einen Haarschnitt für 15 Euro anzubieten und gleichzeitig ein gutes Einkommen für die Person zu ermöglichen, die diese Leistung erbringt. Wir dürfen kein Lohn- und Preisdumping betreiben. Wir brauchen einen fairen Wettbewerb mit unterschiedlichen Preissegmenten, aber Arbeit darf nicht auf Kosten der Beschäftigten billig gehalten werden. Friseurhandwerk hat einen Wert. Menschen verdienen dafür ein Einkommen, das ihnen selbst ein gutes Leben ermöglicht. Das gehört zur Wertschätzung ebenso wie die öffentliche Wahrnehmung des Berufs.

In anderen Handwerken sind höhere Stundenpreise als selbstverständlich akzeptiert. Beim Friseur werden dagegen oft deutlich niedrigere Beträge erwartet. Wie kommen wir aus dieser Schieflage?
FS: Aufgabe des Zentralverbands muss es sein, das Selbstbild und die öffentliche Wahrnehmung der Branche zu stärken – nicht durch Abgrenzung, sondern durch ein klares Verständnis dessen, was das Friseurhandwerk leistet.

Wie lassen sich Betriebe dabei unterstützen, wirtschaftlich tragfähige Preise zu kalkulieren?
FS: Vielen Betrieben fällt es im eng getakteten Betriebsalltag schwer, mit ausreichender Genauigkeit zu kalkulieren, ab welchem Preis sie wirtschaftlich arbeiten und Gewinne erzielen. Genau hier kann der Verband unterstützen. Die neue Meisterprüfungsverordnung setzt deshalb bewusst stärkere Schwerpunkte auf Betriebswirtschaft und Salonmanagement.

Apropos Meisterprüfungsverordnung. Aktuelle Statistiken zeigen eine starke prozentuale Zunahme von Ausnahmebewilligungen. Das ärgert viele. Was wird hier unternommen?
FS: Die Zahl der Ausnahmebewilligungen ist zu hoch. Eine Ausnahmebewilligung kann für einzelne Menschen genau das richtige Instrument sein – sie ist aber ausdrücklich eine Ausnahme. Wir werden hierüber mit den zuständigen Organisationen und Handwerkskammern sprechen, dass die geltenden rechtlichen Rahmenbedingungen konsequent angewendet werden. Es sind bereits Termine geplant.

Mit welcher Motivation gehen Sie am 1. September in Köln ins Büro?
FS: Neugierig, glücklich und mit großem Respekt vor der Aufgabe! Ich habe große Lust darauf, gemeinsam mit den Menschen der Branche Dinge zu verändern, das Bild des Friseurhandwerks weiterzuentwickeln und den Verband so aufzustellen, dass er für die gesamte Branche wirklich da ist.

Ich bedanke mich für das Gespräch und wünsche für die bevorstehende Aufgabe viel Erfolg.

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