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Credit: Wildbild, Hintergrund erweitert mit KI

22.04.2026

„Mitarbeiterinnen müssen Altersarmut früh entgegensteuern“

Thomas Nöckl über Care-Arbeit, Teilzeit, weibliche Altersarmut und die Eigenverantwortung von Unternehmen.

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Redakteurin Juliane Krammer im Gespräch mit maischön Inhaber Thomas Nöckl

Herr Nöckl, Sie haben vor Kurzem für Ihre Belegschaft eine Informationsveranstaltung zum Thema Teilzeit und Care-Arbeit organisiert. Wie kam es dazu?
Thomas Nöckl:
Care-Arbeit wird von vielen Frauen geleistet, aber am Ende oft nicht so anerkannt oder abgesichert, wie es sein sollte. Viele übernehmen unbezahlte Arbeit in der Familie und haben dadurch gleichzeitig im Beruf Nachteile, weil sie in ihrer Karriere nicht so schnell vorankommen oder ihre Arbeitszeit reduzieren.
Für uns als Friseurunternehmen ist das besonders relevant, weil wir einen sehr hohen Frauenanteil haben. In unserem Betrieb sind rund 90 % Frauen beschäftigt. Durch Elternzeit, Kinderbetreuung oder andere familiäre Verpflichtungen fehlen uns Fachkräfte, die wir eigentlich gut brauchen könnten. Deshalb greifen wir das Thema bewusst auf.

Dafür haben Sie die Arbeiterkammer zu Ihrem Team geholt …
TN:
Mir ging es darum, im Betrieb ein niederschwelliges Format zu schaffen. Jede Mitarbeiterin muss einmal davon gehört haben, was auf sie zukommt.

Sie haben den Info-Abend sehr attraktiv gestaltet. Es gab für die Teilnahme sogar eine Zeitgutschrift.
TN: Ja, wir haben ganz bewusst einen Anreiz gesetzt. Die Veranstaltung selbst dauerte eineinhalb Stunden, die Mitarbeiterinnen bekamen dafür aber drei Stunden gutgeschrieben.
Auf den ersten Blick wirkt das vielleicht selbstlos, aber natürlich hat es auch für den Betrieb eine Bedeutung: Wenn wir erreichen, dass Mitarbeiterinnen langfristig besser abgesichert sind und so auch ihre Arbeitszeit wieder erhöhen, dann ist das für alle Seiten positiv.

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Viele übernehmen unbezahlte Arbeit in der Familie und haben dadurch im Beruf Nachteile ...

Sie haben 90 % Frauen im Team. Wie viele davon arbeiten in Teilzeit?
TN:
Das kann ich gar nicht exakt beziffern. Wir sind im Vergleich zu anderen ein eher junges Unternehmen. Die erste Generation an Mitarbeiterinnen, mit der wir als Betrieb eine gewisse Größe erreicht haben, ist jetzt erst in Elternzeit oder in der Phase der Kinderbetreuung. Manche sind schon wieder zurück, andere noch nicht. Tendenziell nehmen Teilzeitmodelle zu, obwohl wir unter dem österreichischen Durchschnitt liegen, aber der Trend ist klar.

Weshalb wird Care-Arbeit unterschätzt?
TN:
Man darf dabei nicht nur an kleine Kinder denken: Care-Arbeit* betrifft ebenso die Betreuung von Angehörigen, von Kindern mit besonderen Bedürfnissen oder generell familiäre Verantwortung. Die große Frage ist immer: Wie schafft man Vereinbarkeit, ohne die eigene Zukunft aus dem Blick zu verlieren? Der Experte hat den Vortrag mit einem sehr klaren Satz eröffnet: Wir haben ein großes Problem der Altersarmut bei Frauen.

Wir haben ein großes Problem der Altersarmut bei Frauen.

Es ist ein strukturelles Problem: Weniger Erwerbsjahre, mehr Care-Arbeit, weniger Pension. Die Rechnung kommt oft erst später.
TN:
Genau. Und gerade deshalb ist das Thema so komplex. Die aktuelle Situation wirkt für viele zunächst einmal machbar oder sogar bequem. Man rutscht langsam hinein in Teilzeitmodelle oder in eine Rollenaufteilung, ohne sich die langfristigen Folgen genau anzusehen. Wieder herauszufinden oder gegenzusteuern, ist dann gar nicht so einfach. Es gibt zwar Ausgleichsmechanismen für Karenzzeiten und Pflegezeiten, aber alles darüber hinaus wird schnell schwierig. Der Experte hat sehr deutlich gesagt: Spätestens nach den ersten vier Jahren mit Kind braucht es eine Rückkehr in Richtung Vollzeit, sonst wird es in der Pension (Anm. d. Red.: Rente in Deutschland) eng. Das hätte ich mich selbst gar nicht so deutlich auszusprechen getraut.

Man rutscht langsam hinein in Teilzeitmodelle oder Rollenaufteilung, ...

Sie führen den Salon gemeinsam mit Ihrer Frau. Wie wurde Care-Arbeit bei Ihnen persönlich gelebt?
TN: Bei uns war das Modell „halbe-halbe“ sehr präsent, die Idee, dass man Hausarbeit und Verantwortung möglichst gleichmäßig aufteilt. Natürlich funktioniert das nie in jedem Detail perfekt. Wichtig ist, dass man darüber spricht. Genau das war mir auch bei dieser Veranstaltung wichtig. Ich möchte niemandem vorschreiben, wie viel er oder sie arbeiten soll. Ich will keiner Frau und auch keinem Mann sagen, dass Teilzeit falsch ist oder ein bestimmtes Einkommen erreicht werden muss. Jedoch sollten sich Familien und Partnerschaften ehrlich mit diesen Fragen auseinandersetzen: Wie lösen wir das? Wie sichern wir uns ab? Was passiert langfristig?
Niemand sagt einem automatisch: Achtung, jetzt wäre der richtige Zeitpunkt, Pensionssplitting zu beantragen.

War diese Veranstaltung eine einmalige Aktion oder planen Sie weitere Formate?
TN: Das müssen wir jetzt erst einmal sacken lassen. Wir kennen die langfristigen Auswirkungen noch nicht. Aber der Zulauf war durchaus gut: Elf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von uns waren dabei, also etwa 25 % der Belegschaft. Dazu kamen noch rund zehn externe Kolleginnen und Kollegen.

Spätestens wenn das Kind vier ist, braucht es eine Rückkehr in Richtung Vollzeit, sonst wird es in der Pension eng ...

Wie wird das Thema auf Verbandsebene aufgearbeitet?
TN: Ich bin selbst in der Fachgruppe in Vorarlberg vertreten und habe auch Kolleginnen und Kollegen aus der Innung eingeladen. Der Landesinnungsmeister war bei der Veranstaltung sogar dabei. Das Interesse ist also vorhanden.
Die eigentliche Frage ist eher: Wer übernimmt die Verantwortung, solche Themen wirklich anzustoßen? Es ist ein komplexes Feld. Unsere Realität hat sich verändert, aber viele Strukturen sind noch alt.

Was wünschen Sie sich?
TN: Mehr niederschwellige Angebote. Aber vor allem wünsche ich mir, dass Unternehmer selbst aktiv werden. Wir können nicht darauf warten, dass von oben die perfekte Lösung kommt. Gerade Betriebe mit einer gewissen Größe können hier sehr viel leisten. Als ein solches Unternehmen sehe ich mich in der Pflicht, diese Themen aktiv aufzugreifen. Das ist ein echter Mehrwert. Denn ein guter Arbeitsplatz bedeutet heute nicht nur schöne Arbeitszeiten. Es geht auch um Sicherheit und um die Frage: Was passiert, wenn ich Kinder bekomme und Familie sowie Beruf vereinbaren muss? Und was bedeutet das für meine Zukunft in 20 oder 30 Jahren?

Sie sprechen von einem modernen Arbeitsplatz …
TN: Ein modernes Unternehmen muss Lösungen bieten mit Blick auf die Zukunft. Wir hatten zum Beispiel ein Great-Lengths-Seminar im Haus und weil Ferien sind und der Termin ungünstig lag, haben wir Kinderbetreuung für die teilnehmenden Mütter organisiert. Das sind Dinge, die nicht jeder Betrieb leisten kann. Dafür braucht es Strukturen und auch die Bereitschaft in das Team zu investieren. Das macht gleichzeitig auch als potenzieller Arbeitgeber attraktiv.

Was wünschen Sie sich?
TN: Unternehmer sollten wieder stärker Unternehmer sein. Nicht warten, sondern selbst Verantwortung übernehmen. Das ist vielleicht anstrengender, aber am Ende oft auch wirksamer.

Vielen Dank für das spannende Gespräch!

Über Thomas Nöckl

Thomas Nöckl führt gemeinsam mit seiner Frau Birgit Nöckl maischön … mir zuliebe. In den drei Dependancen in Vorarlberg sind in den AVEDA-Salons insgesamt 50 MitarbeiterInnen angestellt.

Du willst deine Karriere bei maischön starten? Hier findest du die Job-Inserate.

*Als Care-Arbeit wird Pflege- und Sorgearbeit bezeichnet. Sie umfasst Tätigkeiten der Fürsorge, Pflege und Hausarbeit von sowie für Kinder, kranke oder ältere Menschen. Diese essenzielle Arbeit wird überwiegend von Frauen geleistet.

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