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Guido Paar | Fotocredit: Fabian Renner

17.02.2026

Unser System ist erstaunlich konsequent darin, die Falschen zu belohnen.

Wenn Leistung sich weniger lohnt als Ausstieg, läuft etwas grundlegend schief: Guido Paar erzählt von einem Friseur-Unternehmer, bei dem ein Mitarbeiter vom Staat für die Kündigung belohnt wird – Dranbleiben dagegen nicht. Sein Fazit: Nicht „mehr arbeiten“ ist das Problem, sondern ein System, das Verantwortung und Qualifikation zu oft zur schlechtesten Option macht.

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Kommentar Guido Paar


Es gibt Momente, da fragt man sich, ob Politik eigentlich noch beobachtet, was draußen passiert. Oder ob sie lieber an Modellen arbeitet, die mit der Realität ungefähr so viel zu tun haben wie ein Lehrbuch mit dem echten Leben. 

Ein Beispiel aus dem echten Leben. Kein Planspiel. Kein Thinktank.

Ein mir bekannter Friseurunternehmer erzählte mir Folgendes:
Ein Mitarbeiter kommt auf ihn zu und sagt:
„Ich möchte meinen Meister machen.“

Erster Gedanke: großartig. Genau das brauchen wir: Menschen, die weiter wollen. Die investieren – Zeit, Energie, Nerven. Menschen, die Verantwortung übernehmen wollen.
Dann kommt der zweite Satz:
„Ich höre dafür auf zu arbeiten und gehe Vollzeit zur Meisterschule.“

Und plötzlich wird es interessant!

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Denn jetzt greift ein System, das in Zeiten von Fachkräftemangel eigentlich niemand erklären kann, ohne dabei zumindest innerlich zu stolpern: 

Wer kündigt, bekommt Arbeitslosengeld. Und häufig wird auch noch die Meisterschule bezahlt.
Wer bleibt, arbeitet, Leistung erbringt und sich neben dem Job weiterbildet? Der organisiert das bitte selbst. Zeitlich. Finanziell. Mental.

Kurz gesagt:
Rausgehen lohnt sich. Dranbleiben eher nicht.

Man könnte es auch anders lösen.
Man könnte sagen: Wer leistungsbereit ist, bleibt im Betrieb. Der Arbeitgeber zahlt weiter Lohn. Der Staat beteiligt sich – zum Beispiel, indem er einen Teil kompensiert, damit der Mitarbeiter einen Tag weniger arbeitet. Vier Tage Betrieb, ein Tag Lernen. Die
Meisterschule wird bezahlt.

Alle gewinnen.

Aber das wäre ja leistungsorientiert.
Und genau da scheint das Problem zu liegen.

Denn unser System ist erstaunlich konsequent darin, die Falschen zu belohnen.
Nicht die, die tragen.
Sondern die, die aussteigen.
Nicht die, die Verantwortung übernehmen.
Sondern die, die sie abgeben.

Das Gleiche sehen wir beim Mindestlohn.

Man kann sich durchaus fragen: Warum brauchen wir ihn überhaupt?
Wir haben Ausbildungen.
Wir haben Tarifverträge.
Wir haben klare Entwicklungspfade.

Wer etwas kann, ist abgesichert.
Wer nichts kann, kann etwas lernen.

Der Mindestlohn sendet allerdings eine andere Botschaft:
„Komm erst mal ohne Ausbildung klar. Das lohnt sich kurzfristig mehr.“

Ausbildung wird zur Option.
Arbeit ohne Qualifikation zur Strategie.

Und gleichzeitig wundern wir uns über Fachkräftemangel.

Man könnte auch hier klar sagen:
Wenn du Sicherheit willst, qualifiziere dich.
Wenn du Tarif willst, geh in die Ausbildung.

Und wenn du dich bewusst dagegen entscheidest – völlig legitim –, dann ist das deine Freiheit.
Aber nicht automatisch der Anspruch, dass die Allgemeinheit das tragen muss.

Doch stattdessen regulieren wir Symptome, nicht Ursachen.
Wir verteilen Geld, statt Strukturen zu reparieren.
Wir fördern Verhalten, das wir eigentlich gar nicht wollen.

Und dann kommt die große politische Überschrift:
„Wir müssen mehr arbeiten.“

Gesagt von Friedrich Merz, Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland.
Der Satz klingt nach Führung.
Er erspart allerdings das Nachdenken.

Denn wir müssen nicht einfach nur mehr arbeiten.
Wir müssen leistungsbereiter arbeiten lassen.

Wir müssen die fördern, die wollen.
Wir müssen aufhören, Systeme zu bauen, in denen Leistung zur schlechtesten Option wird, in denen von Betrieben, Ausbildung und Verantwortung weggeführt wird.

Das sind die Gründe, warum wir nicht vorankommen.
Nicht, weil die Menschen faul wären.
Sondern weil Leistung in diesem Land zunehmend als Störung empfunden wird.

Willich, 12.02.26, Guido Paar

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