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Credit: Haarwerkstatt Ümit Akbulut

17.06.2026

"Ich muss nicht alles können"

Ümit Akbulut setzt auf Authentizität statt Inszenierung und die Kraft, nicht alles Können zu müssen. Ein Gespräch über persönliche Werte und eine Branche, die stärker wird, wenn sie sich gegenseitig feiert, statt vergleicht.

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Katja Ottiger im Gespräch mit Ümit Akbulut, Friseurunternehmer und Paul Mitchell Educator aus Delmenhorst

Ümit, ich treffe dich hier in Wien bei der Paul Mitchell Roadshow, bei der du einen Layered Bob schulst. Ich dachte immer, du seist Herrenspezialist?
Ümit Akbalut: Irgendwie haben das viele lange gedacht, weil ich auf Social Media im Barber-Bereich sehr sichtbar war. Doch ich bin ein klassischer Haarschneider und habe mich nie nur über Herrenhaarschnitte definiert. Im Gegenteil: Aktuell bin ich mit meinem Lockenseminar „Curlcode“ unterwegs. Denn dort liegen meine Wurzeln. In meiner Familie gibt es viele Frauen mit lockigem Haar und ich habe schon früh begonnen, mich mit diesen Strukturen und Texturen zu beschäftigen. Für mich ist Haar ein Medium, egal ob Mann, Frau oder divers.

Spiegelt sich das in eurer Preisgestaltung wider?
ÜA: Dieses Thema greifen wir gerade neu auf, auch, weil wir nun eine queere Person in unserem Team haben. Ich habe mich immer davor gescheut und mich gefragt, ob die Menschen das in einem kleineren Ort wie Delmenhorst verstehen würden. Doch das ist falsch gedacht, denn auch hier dreht sich die Zeit weiter. Wir sind z.B. gerade dabei, komplett bargeldlos umzustellen.

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So wie wir heute Mut zur Spezialisierung brauchen, brauchen wir auch Mut zur Transparenz.

Warum?
ÜA: Komplett bargeldlos zu sein bedeutet für mich vor allem Entlastung und Transparenz. Die Planung wird einfacher, die Kassenberichte werden einfacher. Bei uns zahlen ohnehin schon rund 90 Prozent der Kunden mit Karte. Wir Friseure dürfen da gern Vorreiter sein. So wie wir heute Mut zur Spezialisierung brauchen, brauchen wir auch Mut zur Transparenz. Transparenz schafft Vertrauen.

Wie sehen das eure KundInnen?
ÜA: Wir haben auf Instagram eine Story dazu gemacht und unsere KundInnen abstimmen lassen. Rund 60 % waren für bargeldlos, 40 % haben gefragt, wie wir ihnen ihr Bargeld verbieten können? Ich verstehe solche Reaktionen. Gleichzeitig glaube ich, dass jede Dienstleistung die Kundschaft anzieht, die zu den eigenen Werten und Arbeitsweisen passt.

Natürlich kann ich nachvollziehen, dass ein kleiner Bäcker anders darüber denkt, wenn bei einem einzelnen Brötchen Transaktionsgebühren anfallen. Aber wir sprechen im Salon über hochwertige Dienstleistungen – vom Kinderhaarschnitt um 30 € aufwärts. Da ist bargeldloses Bezahlen heute normal.

Was macht ihr mit Trinkgeld?
ÜA:
Trinkgeld läuft bei uns digital. Die KundInnen scannen einen QR-Code, das Geld geht direkt aufs Konto der Mitarbeitenden. Das ist für uns die sauberste Lösung.

Auf Instagram hast du ein Posting zur Wertigkeit des Friseurberufs gemacht. Was wolltest du damit anstoßen?
ÜA: Wenn man sich meine Posts anschaut, sieht man relativ wenig Fotoshootings oder Produktinszenierungen. Für mich fängt Social Media mit Werten an: Wie sehe ich meinen Beruf? Warum mache ich das, was ich mache? Warum bin ich am Wochenende als Educator unterwegs, obwohl mich das von meiner Familie trennt? Ich erkläre den Spaß an meinem Beruf und auch, dass ich neue Erfahrungen zurück an den Stuhl, zu meinen KundInnen und in mein Team bringe.

… was auch angemessene Preise rechtfertigt. Gab es etwas, das dein Denken über Preise verändert hat?
ÜA: Ja, absolut. Ein guter Freund, der sich gerade selbstständig gemacht hatte, fragte mich: „Ümit, warum verrechnest du bei meiner Tochter weniger als bei meinem Haarschnitt? Wenn ich das Zimmer deiner Tochter streiche, ist das doch genauso, als würde ich euer Schlafzimmer streichen?“

Das war für mich ein Wow-Moment. Wertschätzung beginnt bei mir selbst, die muss ich selbst erfahren und ausleben und erst dann kann ich dazu stehen. Deshalb nutze ich Social Media gern für meine Messages, manchmal an Friseure, manchmal an Endverbraucher und immer so, wie es aus dem Herzen kommt.

Es ist heute wichtiger denn je, nicht alles können zu müssen.

Was beschäftigt dich als Unternehmer im Moment besonders?
ÜA: Spezialisierung. Ich glaube, es ist heute wichtiger denn je, nicht alles können zu müssen. Wenn du ein guter Colorist bist, dann mach richtig gute Haarfarben! Bist du ein guter Haarschneider, mach richtig gute Haarschnitte! Du musst nicht die ganze Palette anbieten.

Wir sind da sehr klar positioniert. Wir konzentrieren uns bewusst auf die Dienstleistungen, für die wir wirklich brennen und in denen wir höchste Qualität liefern können. Unsere Looks sind natürlich, das leben wir zu 100 Prozent und damit ziehen wir genau die Menschen an, die sich da abgeholt fühlen.

Authentizität ist für mich eine der wichtigsten Dienstleistungen überhaupt.

Was ist eure wichtigste Dienstleistung?
ÜA: Echt sein. Nicht etwas adaptieren, weil andere es machen. Nicht etwas vertreten, hinter dem man nicht steht. In einem kreativen Kopf entsteht da sofort eine Hemmung und Menschen spüren, ob etwas echt ist oder nicht. Ich sage meinen Leuten immer: „Macht das, was euch ausmacht!“ Ich möchte deren Stärken sehen, herausarbeiten und pushen. Authentizität ist für mich eine der wichtigsten Dienstleistungen überhaupt.

Zusatz-Dienstleistung: Solange ich meine Kundin nicht danach frage, bleibt es eine verpasste Dienstleistung und verlorener Umsatz.

Wo siehst du darüber hinaus ungenutztes Potenzial im Salon?
ÜA:
 Wenn wir reisen und irgendwo in Amerika in einem Friseurstuhl sitzen, erleben wir manchmal ganz andere Abläufe: Anderes Haarewaschen, andere Zusatzdienstleistungen und andere Selbstverständlichkeiten im Angebot. Ihr habt ja dazu mal ein super Video gemacht! 

Auch wenn uns zusätzliche Dienstleistungen manchmal überrennen, gilt: Solange ich meine Kundin oder meinen Kunden nicht danach frage, bleibt es eine verpasste Dienstleistung und am Ende auch verlorener Umsatz.

Was meinst du konkret?
ÜA: Ich liebe zum Beispiel Duty-free-Shops. Nicht, weil ich dort unbedingt Geld spare, sondern weil ich kleine Dinge liebe: Travel Sizes, kleine Cremes, Mini-Produkte, das catcht mich. Ich kaufe etwas für meine Tochter, etwas für meine Frau und vielleicht eine Gesichtscreme für mich. Brauche ich die? Wahrscheinlich nicht. Aber ich fühle mich wahrgenommen!

Wenn eine Mitarbeiterin dann sagt: „Wir haben hier noch diese Travel Sizes“, hat sie mich verstanden. Sie ist perfekt geschult und erkennt, was zu mir passen könnte. Genau dieses wahrnehmen können wir auch im Salon noch viel stärker leben.

Du warst vier Jahre Obermeister in der Innung. Warum hast du sie Anfang des Jahres verlassen?
ÜA: Ich bin ein Mensch, der gerne motivieren und bewegen möchte. Aber ich bin ein Energy-Saver und schaue sehr genau, wohin ich meine Energien lenke. Wenn wenig passiert, bin ich weg. Es war eine tolle Erfahrung, eine wertvolle Zeit. Aber ich bin niemand, der irgendeinen Titel behält, nur um ihn zu haben.

Konntest du etwas bewegen?
ÜA: Ich glaube, ich konnte einzelne Impulse setzen. Die großen strukturellen Veränderungen, die ich mir gewünscht hätte, sind allerdings ausgeblieben.

Woran hapert es?
ÜA:
Dass wir oft an alten Strukturen festhalten, obwohl sich die Bedürfnisse der Betriebe und der nächsten Generation längst verändert haben.

Wenn du als Educator unterwegs bist: Was nimmst du persönlich mit?
ÜA: Emotionen. Am Anfang meiner Education-Reise dachte ich, ich fahre irgendwohin und bringe jemandem etwas bei. Heute weiß ich: Das ist Quatsch. Oft nehme ich Menschen einfach die Angst, etwas umzusetzen, was sie eigentlich schon können. Ich öffne nur wieder eine Schublade.

Und das macht ein gutes Seminar aus: Dass man sich nicht erklären muss. Dass man einfach der Mensch sein darf, der man ist. So wie in einem guten Team: Wir sitzen nicht nur zusammen und sprechen über Trends. Wir sprechen über Freude, Depressionen, Trauer, Leid, einfach über das Leben.

Weil die Welt da draußen so laut ist, brauchen wir diese Safe Spaces in unseren Communities"

Gibt es etwas, das du der Branche zurufen möchtest?
ÜA: Um es mit Bad Bunny zu sagen: „Love is stronger than hate!“ Ich glaube, wenn wir in dieser Branche wieder mehr feiern – uns selbst, einander, den Erfolg der anderen –, dann passiert etwas Gutes.

Ich spüre, dass wieder mehr Lust auf Education da ist. Wir hatten eine müde Zeit, aber es entsteht wieder Bewegung. Vielleicht gerade deshalb, weil die Welt da draußen so laut ist, brauchen wir diese Safe Spaces in unseren Communities. Für mich ist das wie ein Fußballstadion: Alle Menschen, die zu einem Seminar kommen, teilen eine Leidenschaft. Egal woher sie kommen, was sie essen, wen sie lieben oder woran sie glauben. Für diesen Moment sprechen wir eine Sprache.

Wenn wir das als Friseur-Community verstehen, können wir viel bewegen. Und wir dürfen wieder mehr Mut haben zu sagen: „Das liegt mir nicht so. Kannst du mir helfen?“ Der richtige Mensch wird darauf niemals mit Nein antworten, sondern sich darüber freuen.

Über Ümit Akbulut

  • Salon "Haarwerkstatt" in Delmenhorst
  • 5 Mitarbeitende, 3 Auszubildende
  • Auszeichnung: Goldene Nadel des Zentralverbandes
  • Internationaler Paul Mitchell Educator

haarwerkstatt-delmenhorst.com

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