Anzeige

Anzeige

Credit: Hintergrund: Kraken Images | Blasen: KI-generiert mit ChatGPT

07.05.2026

„Das verdammte Leben sitzt bei dir auf dem Stuhl“

Eine Schweizer Studie bescheinigt dem Friseurhandwerk ungenutztes Präventionspotenzial. Nebst Styling, Schnitt und Farbe sind FriseurInnen häufig emotionale Anker für die Kunden, berücksichtigt in Aus- und Weiterbildung wird dies kaum.

Anzeige

Anzeige

Wenn Menschen im Alltag Druck haben, suchen sie sich oft Unterstützung dort, wo sie sich sicher fühlen, nämlich bei vertrauten Bezugspersonen. Besonders im Friseursalon zeigt sich dieses Muster deutlich, denn KundInnen vertrauen sich ihren FriseurInnen an, sprechen über Sorgen, Belastungen und private Themen. Das alles geschieht ganz nebenbei, während sie im Stuhl sitzen.

Eine von der Innosuisse geförderte aktuelle Studie des Instituts für Personalmanagement und Organisation, Hochschule für Wirtschaft (FHNW) aus der Schweiz hat genau hingeschaut.

Ausgangslage: „Das verdammte Leben sitzt bei dir auf dem Stuhl“

Dieses Interviewzitat bringt es auf den Punkt!

FriseurInnen sind nicht nur für Schnitte, Farben und Stylings da. Sie sind oft auch ZuhörerInnen und emotionale Anker, ohne dass das im Berufsbild oder in der Weiterbildung bisher ausreichend berücksichtigt wird.

Bestehende Aus- und Weiterbildungsangebote scheinen dem Thema Gesprächsführung, Coaching, Abgrenzung sowie Stressmanagement bislang zu wenig Beachtung zu schenken.

Genau hier sehen die AutorInnen ein ungenutztes Präventionspotenzial: Nicht, um FriseurInnen zu Coaches im Sidebusiness auszubilden, sondern um das Kerngeschäft kompetenter, gesünder und langfristig belastbarer ausführen zu können.

Anzeige

Studienergebnisse: Wo steht das Friseurhandwerk und was fehlt?

1. Hohe emotionale Anforderungen – aber wenig strukturelle Unterstützung

Die Studie stellt fest: Es gibt sehr wenig Forschung und wenig zugängliche Statistiken.

Anforderungen an den Friseurberuf: Kommunikation, Emotionen, Grenzmanagement

Alle Befragten berichten: Der Friseurberuf verlangt neben fachlichem Können ein breites Kompetenzspektrum – insbesondere:

  • starke kommunikative Fähigkeiten
  • hohe emotionale Präsenz
  • Balance zwischen Nähe und professioneller Distanz
  • Umgang mit sehr unterschiedlichen KundInnen-Bedürfnissen

Gleichzeitig wird die gesellschaftliche Anerkennung des Berufs als gering beschrieben – ein Spannungsfeld, das zusätzliche Belastung erzeugen kann.

2. Ausbildung: Fachlich stark – überfachlich dünn

  • Zahl der Auszubildenden sinkt
  • Vertragsauflösungen sind überdurchschnittlich hoch

Der Schwerpunkt in der Ausbildung liegt stark auf Fachthemen. Viele Lernende entwickeln das Bewusstsein für die emotionalen und kommunikativen Anforderungen erst im Verlauf der Ausbildung.

3. Weiterbildung: Trends, Technik, Salonführung – aber wenig Selbstfürsorge

Die Weiterbildungslandschaft ist laut Studie vor allem ausgerichtet auf:

  1. fachliche Kompetenzen und Trendthemen
  2. betriebswirtschaftliche Aspekte der Salonführung

Überfachliche Kompetenzen wie Gesprächsführung, Rollenverständnis oder Selbstfürsorge tauchen kaum auf.
Als zentraler Lernraum wird stattdessen der informelle Austausch im KollegInnenkreis beschrieben.

Bedarf: Niederschwellige Angebote könnten viel bewegen

Die Befragten sehen großen Handlungs- bzw. Nachholbedarf und das Potenzial, das niederschwellige Angebote für die Branche bieten könnten. Die Bedürfnisse unterscheiden sich je nach Zielgruppe (z.B. Auszubildende, BerufseinsteigerInnen, SaloninhaberInnen, Teamleitungen), weshalb ein „One size fits all“-Ansatz nicht zielführend wäre.

Fazit: Viel „Full Service“ – aber zu wenig Schutz und Unterstützung

Die Studie beschreibt die Friseurbranche als unterbeforscht und gesellschaftlich wenig wertgeschätzt – bei gleichzeitig sehr hohen Anforderungen. KundInnen erwarten häufig „Full Service“: ganzheitliches Eingehen auf Anliegen, die oft weit über Haare hinausgehen.

Gesprächsführung, Coaching-basierte Kompetenzen, Abgrenzung und Stressmanagement werden als relevant wahrgenommen – doch Aus- und Weiterbildung fokussieren weiterhin stark auf fachliche und betriebswirtschaftliche Inhalte. Ergänzende Angebote werden gebraucht, müssen aber zur Realität der Branche passen: kostensensitiv, praxisnah, niederschwellig und anschlussfähig an den Arbeitsalltag.

Lehren fürs Friseurhandwerk

Die Ergebnisse sind sicherlich nicht Schweiz-spezifisch und bieten viele Erkenntnisse für das Friseurhandwerk im gesamten deutschsprachigen Raum.

1) Gesprächsführung ist Führungs- und Gesundheitsarbeit.
Wer im Salonalltag ständig „mitträgt“, braucht Tools: kurze Gesprächstechniken, klare Grenzen, saubere Rollenklärung. Das schützt Team und InhaberIn und verbessert gleichzeitig die KundInnenbindung.

2) Abgrenzung ist kein „Unfreundlichsein“, sondern Professionalität.
Salons profitieren von klaren Standards: Wie reagieren wir auf sehr persönliche Themen? Wo endet Zuhören, wo beginnt Überforderung? Welche Sätze helfen beim respektvollen Stoppen?

3) Micro-Formate schlagen große Seminare.
Die Studie beschreibt die Branche als kostensensitiv. Heißt: Niederschwellige, kurze, praxisnahe Formate (z. B. 60–90 Minuten, Inhouse, online) passen oft besser als lange Lehrgänge.

4) Informelles Lernen ist da – jetzt braucht es Struktur.
Viele Teams lernen im KollegInnenkreis. Wenn Salons das bewusst unterstützen (z. B. kurze Fallbesprechungen, Team-Check-ins, Leitfäden), entsteht ein echter Lernraum statt „Wir reden halt kurz darüber“.

5) Für Azubis: Früh sensibilisieren, nicht erst wenn’s brennt.
Wenn Lernende das emotionale Gewicht erst spät realisieren, steigt das Risiko für Stress und Abbrüche. Salons können mit Mentoring, Gesprächsleitfäden und klaren Erwartungen gegensteuern.

Zurück zur Übersicht

Aktuelles

Anzeige

Anzeige

Anzeige

Kommentar melden / Löschung beantragen

Danke für deine Mitteilung
Zurück

0

Teilen