Credit: Christian Barz

29.04.2020

Michi Jung: Vernünftig kalkulieren und Fresse halten

Der erfolgreiche Hamburger Friseur-Rocker Michi Jung hat auch in der Krise ein Konzept: Die ganzen Hygienemaßnahmen verpackt er so, dass darüber gesprochen wird, Mitarbeiter erhalten Prämie fürs Fresse halten und überhaupt ist er überzeugt, dass 30% der Friseure die Krise nicht überstehen…

Das Telefoninterview führte Birgit Senger
 

Michi, wie geht es Dir?
Michi Jung:
Danke gut, ich habe im Moment mehr zu tun als vor Corona.

Was hat sich in deinem Leben in den letzten Wochen verändert?
MJ:
Ich wollte mal wissen, wer mir da so auf Facebook folgt und hab mir die Seiten anderer angeguckt. Ich habe so viel Katzen-, Pferde- und Hundefotos gesehen, wie nie zuvor in meinem ganzen Leben. Das ist nicht schlimm, ich schau mir das gerne an, aber es gibt ja auch Kunden, die sich über Facebook informieren. Und da wir ja nun mal in einem Modeberuf sind, empfehle ich auch gern den Mitarbeitern Lifestyle zu posten, Seminare oder andere tolle Sachen, die mich als Friseur interessant machen. Sonst brauch‘ ich mich nicht zu wundern, wenn mein Business nicht läuft.

„Wer jetzt einen Kredit braucht, muss seine Preise um 20-30% erhöhen.“

Im Moment läuft es für viele gar nicht gut. Woran liegt das?
MJ:
Ich habe in letzter Zeit viele Anfragen zur Kalkulation bekommen. Wenn ich dann frage: Wie lange plant ihr für Farbe und wieviel Geld nehmt ihr dafür?, sind die Antworten oft erschreckend. Einigen Kollegen fehlt ein klares Konzept, die trauen sich nicht, vernünftig zu kalkulieren. Wer sich jetzt nicht traut die Preise zu erhöhen, dem wird sich keine bessere Gelegenheit mehr bieten. Ich schätze, wer jetzt einen Kredit braucht, muss seine Preise um 20-30% erhöhen, damit es ihn in einem Jahr, wenn er den Kredit zurückzuzahlen beginnt, nicht ganz hart trifft.

Viele denken, Sie müssten Rücksicht nehmen auf den schmäleren Geldbeutel ihrer Kunden.
MJ:
Ja, aber das ist ein typisches Arbeitgeberdenken. Klar sind jetzt viele in Kurzarbeit und viele Unternehmen gehen pleite. Wenn ich Preise nicht erhöhe, weil ich dann einen Umsatzrückgang durch Kunden, die sich den Friseur nicht mehr leisten können, befürchte, dann wird es den Friseur  wahrscheinlich bald nicht mehr geben.

Was hältst du von einem Hygieneaufschlag ?
MJ:
Das kann natürlich Sinn machen. Ich lese viel, dass Kollegen von 1-3 € sprechen. Man sollte bedenken, wie man diesen Aufschlag verbuchen will. Denn wenn die 3 € als Dienstleistungsumsatz bei einem Mitarbeiter gebucht werden, dann gehen Mehrwertsteuer und Provisionszahlungen ab, da reichen 3 € nicht, um mir den Arsch zu retten. Eine Alternative könnte sein, auf den Chef zu buchen, oder mit dem Kassenanbieter eine Lösdung zu finden. 

„Wenn wir 5% mehr Auslastung hinbekommen, dann reichen auch 10% Preiserhöhung."

Also eher Preiserhöhung und Überprüfung des Zeit Managements?
MJ:
Aufgrund unserer Größe und der Flexibilität meiner Mitarbeiter, können wir es schaffen, mit einer Preiserhöhung von 10% unser Jahresziel zu erreichen. Wobei wir uns mit unseren Preisen ja schon in der Champions League befinden. Ich gehe in meiner Kalkulation nie von 100% Auslastung aus, das schafft niemand. Wenn wir 5% mehr Auslastung hinbekommen, dann reichen auch 10% Preiserhöhung.

Also ohne Kalkulation ins Re-Opening zu gehen wäre grob fahrlässig?
MJ:
Wer jetzt die Zeit nicht nutzt seine Kalkulation zu überprüfen und sein Unternehmen auf sichere Beine zu stellen, hat es schwer. Wer es bis jetzt nicht geschafft hat Rücklagen zu bilden, der muss ja in 12 Monaten was überhaben, um Kredite zu tilgen. Jetzt ist es Zeit ehrlich mit sich zu sein, sonst droht der Tod auf Raten. Vielleicht muss der ein oder andere sich eingestehen, ich bin ein guter Friseur aber kein guter Unternehmer!? In diesem Fall sollte man alles dafür tun, mit einem blauen Auge davon zu kommen. Ich meine das gar nicht böse! Ich gehe davon aus, dass bis zu 30% der Friseurunternehmen in den nächsten 18 Monaten die Krise nicht überstehen werden.

„30% der Friseurunternehmen werden die Krise nicht überstehen.“

Hast du eine Empfehlung?
MJ:
Jahresziel überprüfen! Viele haben alle möglichen Ziele vor Augen: Wohin will ich in Urlaub fahren, wieviel kann ich bis dahin abnehmen und wie erreiche ich das? Schnell hat jeder einen Plan, wieviel er mit welchen Maßnahmen in den nächsten Monaten abspecken kann. Versteht mich nicht falsch, das mach ich auch. Aber bevor ich an Abnehmen denke, setze ich mir doch erst mal Ziele bei dem, was mich ernährt. Ich habe mir die Zahlen für 2020 angeschaut. Wieviel vom Umsatzziel habe ich in den ersten 3 Monaten erwirtschaftet? Im März lief es eine Woche vor Shutdown schon schlechter, es fehlen also ungefähr 6 Wochen Umsatz, die ich, um mein Jahresziel erreichen zu können, in den restlichen 7 Monaten erwirtschaften muss.

 

Was wünschst du Dir von Deinen Mitarbeitern?
MJ:
Was ich jetzt nicht brauchen kann, ist zusätzlichen Brain Fuck. Meine Mitarbeiter sind auch unsicher und wissen nicht, was jetzt passiert. Wir alle werden sich Gejaule und Gemecker anhören müssen und noch dazu an 6 statt an 5 Tagen arbeiten. Jeder Mitarbeiter, der trotzdem die Fresse hält und nicht anfängt rumzumaulen, bekommt von mir eine Zusatzprämie von 500 Euro.

Steuerfrei?
MJ:
Das wäre schön, in den Pflegeberufen ist das im Moment möglich. Ich bin dran, das zu prüfen, aber final gibt es dafür noch keine zuverlässige Entscheidung.

In deinem Coaching geht es häufig um unterschiedliche Prämienmodelle. Du behauptest, bei dir arbeiten die bestbezahltesten Friseure Deutschlands…
MJ:
Genau. Nicht für jeden ist eine Geldprämie wichtig. Es gibt Mitarbeiter, denen ist Urlaub mehr wert. Das untere Gehalt bei „Cut for friends“ liegt bei 2.500 € und geht hoch auf 5.500 €. Der Rekord inklusive Provision geht bis zu 7.000 €. Ich würde mich freuen, wenn ein Basic-Gehalt von 2.000 € in unserer Branche Pflicht werden würde. Dann müssten alle Friseure vernünftig kalkulieren und ihre Preise anheben. Dann würde der Beruf, für den ich seit Jahren kämpfe, auch wieder interessanter werden.

„Ich bin ein Schöngeist. Glaubt ihr, ich finde diese Plexiglasscheiße geil?“

Und nörgeln über die Hygienemaßnahmen - tust du auch nicht?
MJ:
Ja, es ist scheiße, aber jetzt ist das nun mal eben so! Erst nörgeln Friseure, weil sie weiterarbeiten müssen, dann nörgeln sie, weil geschlossen ist und jetzt nörgeln sie über die Voraussetzungen. Meine Devise: Herausforderung annehmen, Fresse halten und machen was die Regierung sagt. Nach 4 Wochen analysieren. Jeder der mich kennt, weiß, ich bin ein Schöngeist. Glaubt ihr, ich finde diese Plexiglasscheiße geil?

Bei dir werden durch Branding aus Hygienemaßnahmen Werbemaßnahmen.
MJ: Ich liebe Branding! Die ganzen Hygienemaßnahmen verpacke ich so, dass im besten Fall darüber gesprochen wird. An der Rezeption tragen die Plexiglasscheiben die Aufschrift „Fuck you asshole - NO CASH“ und sehen so aus, als hätten sie gerade einen Banküberfall überstanden. Jeder Kunde bekommt zum Empfang im Salon ein Kunden-Kit mit gebrandetem Mundschutz, Desinfektionstüchern und Handschuhen. Jetzt muss es nur noch losgehen!

Vielen Dank für das Gespräch, einen guten Start am 04. Mai, viel Erfolg und erfreu uns weiterhin mit viel Love, Peace & Rock’n Roll aus Hamburg!
 

Über Michi Jung: