20.11.2025

Festgefahrene Strukturen sind der Killer

Eine qualitative Studienarbeit zeigt den Wandel im Friseurhandwerk anhand festgefahrener Strukturen. Wie eine Branche ihre Zukunft neu erfinden kann, beschreibt Salonunternehmerin Julia Goray …

Synopsis basierend auf der Masterarbeit von Friseurunternehmerin Julia Goray

Das Friseurhandwerk in Deutschland gehört seit Jahrzehnten zu den prägenden Berufen des Dienstleistungssektors. Tausende Salons bestimmen das Straßenbild, schaffen Arbeitsplätze, bilden aus und sind für viele Menschen ein fester Bestandteil ihres Alltags. Doch hinter den Kulissen brodelt es gewaltig. Die Branche kämpft mit tiefgreifenden strukturellen Problemen, und viele Betriebe stehen vor der Frage, wie sie unter den gegenwärtigen Bedingungen überhaupt überleben sollen.

Gezieltes Change-Management kann dazu beitragen, Friseursalons widerstandsfähiger und zukunftsfähiger zu machen. Für ihre Masterarbeit hat Julia Goray zahlreiche Salonunternehmer, Führungskräfte und Brancheninsider interviewt.

Stimmung in den Betrieben

Kaum eine der befragten Führungskräfte spricht von einer normalen Auslastung oder einer positiven Entwicklung. Vielmehr ist von „ständiger Alarmbereitschaft“, „Dauerdruck“ und einer „nie dagewesenen Unsicherheit“ die Rede.

Dabei sprechen viele Salonunternehmer von einer „nicht mehr zu stemmenden Arbeitsmenge“.

Situation in den Friseurunternehmen

Existentielle Bedrohung Fachkräftemangel

  • Kaum Auszubildende, wenige qualifizierte Fachkräfte.
  • Stellen bleiben lange unbesetzt, Teams überlastet, Öffnungszeiten reduziert, Kunden werden abgewiesen.
  • Beruf hat schlechtes Image: viel Arbeit, wenig Geld, kaum Entwicklungschancen.

„Wir sind an einem Punkt, an dem die Arbeitsmenge einfach nicht mehr zu stemmen ist“, so schildert es eine der InterviewpartnerInnen. Der Nachwuchs fehlt, weil die Branche mit einem schlechten Image zu kämpfen hat: viel Arbeit, wenig Einkommen, kaum Entwicklungsmöglichkeiten – so lautet die verbreitete Wahrnehmung.

Kostensteigerungen

  • Höhere Kosten bei Energie, Produkten, Mieten und Löhnen.
  • Viele Salons scheuen notwendige Preiserhöhungen aus Angst vor Kundenverlust.

Die bittere Folge: Viele halten an Preisen fest, die oft nicht mehr kostendeckend sind. Das Paradoxe: Trotz guter Auslastung arbeiten viele defizitär.

Niedrige Margen, hohe Belastung und knappe Personalressourcen bilden einen gefährlichen Cocktail.

Nachholbedarf Digitalisierung

  • Viele Friseurbetriebe arbeiten noch immer analog. Online-Terminbuchung, digitales Marketing, Kundenbindungs-Tools und moderne Personalsysteme werden wenig bis gar nicht genutzt.
  • Gründe: Unsicherheit, fehlendes Know-how, Skepsis, Zeitmangel im Alltagsgeschäft.

Der operative Alltag drängt sich in den Vordergrund, wodurch strategische Weiterentwicklung kaum stattfindet.
 

Kernthese der Masterarbeit

Scheitern liegt meist an der inneren Organisation

Das Scheitern von Veränderung liegt selten an äußeren Umständen, sondern meist an der inneren Organisation:

  • Fehlende bzw. schlechte Kommunikation.
  • Mangelnde Führungskompetenz.
  • Unklare Verantwortlichkeiten.
  • Unstrukturierte Abläufe.
  • Angst vor Veränderung.
     

Change-Management nach Kurt Lewin als Lösungsrahmen

1. Phase „AUFTAUEN“

In der ersten Phase, dem sogenannten „Auftauen“, geht es darum, bestehende Routinen zu hinterfragen und eine Offenheit für Veränderung zu schaffen. Dieser Schritt ist in der Friseurbranche besonders schwierig, wie die Interviews zeigen. Viele Mitarbeitende sind stark in ihre gewohnten Abläufe eingebunden und empfinden Veränderungen zunächst als zusätzliche Belastung. Gleichzeitig scheuen manche Führungskräfte davor zurück, Herausforderungen offen anzusprechen. Dabei zeigen die empirischen Ergebnisse, dass gerade Transparenz zu höherer Akzeptanz führt. Mitarbeitende wollen verstehen, warum Veränderungen notwendig sind, und wünschen sich eine klare Kommunikation, die ehrlich benennt, wo ein Salon steht und welche Ziele er verfolgt.

2. Phase „Bewegen“ (CHANGE)

Die zweite Phase des Modells, das „Bewegen“, beschreibt die tatsächliche Umsetzung. Hier trennt sich in der Praxis oft Spreu vom Weizen. Betriebe, die Veränderungen erfolgreich gestalten, investieren bewusst Zeit und Ressourcen in Weiterbildung, Teamentwicklung und eine klare Rollenverteilung. Sie schaffen Raum für Training, implementieren neue Systeme mit Geduld und holen ihr Team regelmäßig ins Boot. Andere wiederum versuchen Wandel „nebenher“ zu bewältigen, was fast zwangsläufig zu Widerstand und Überforderung führt. Gerade im Friseurhandwerk, wo der operative Druck hoch und die Teams klein sind, braucht es ein strukturiertes Vorgehen, um eine Veränderung nicht nur anzustoßen, sondern sie tatsächlich im Alltag zu verankern.

3. Phase „Einfrieren“

Die letzte Phase, das „Einfrieren“, wird in der Branche nach den Ergebnissen der Studie am seltensten konsequent umgesetzt. Veränderungen verlaufen zwar häufig gut gestartet, versanden aber genauso oft wieder.

 Ohne Routinen, Reflexionsschleifen und klare Verantwortlichkeiten kehren Teams schnell zu alten Arbeitsweisen zurück. Genau hier zeigt die Arbeit, wie wichtig Standards, regelmäßige Überprüfungen und eine kontinuierliche Kommunikation sind.

Erfolgreiche Betriebe schaffen es, neue Abläufe zur Selbstverständlichkeit zu machen. Sie bauen eine Kultur auf, in der Veränderungen nicht als einmalige Projekte, sondern als fester Bestandteil der Unternehmenskultur verstanden werden.
 

Schlüsselrolle Führung

Führung ist der entscheidende Faktor für gelingenden Wandel.

Gute Führung bedeutet:

  • Fachliche Kompetenz plus Orientierung geben.
  • Entscheidungen nachvollziehbar erklären.
  • Mitarbeitende unterstützen und auf Augenhöhe kommunizieren.

Viele der Befragten berichten, dass es weniger die äußeren Belastungen sind, die Teams zermürben, sondern fehlende oder unklare Führung.

 Wer jedoch eine Vision vermittelt, Mut zeigt und gleichzeitig auf Augenhöhe kommuniziert, schafft Vertrauen – und damit die Grundlage für erfolgreiche Veränderungsprozesse.

Neues Selbstverständnis für Zukunftsfähigkeit

Die Studie macht zudem deutlich, dass die Zukunftsfähigkeit des Friseurhandwerks weit über Prozesse und Organisation hinausgeht. Sie verlangt ein neues Selbstverständnis.

Notwendig sind:

  • Modernes, positives Image des Berufs.
  • Faire Vergütung und zeitgemäße Arbeitszeitmodelle.
  • Reale Entwicklungs- und Karrieremöglichkeiten.
  • Wertschätzende Kultur und professionelles Personalmanagement.

Gerade junge Menschen wählen nicht nur den Beruf, sondern die Unternehmenskultur.

Gesamtfazit der Masterarbeit

Das Friseurhandwerk ist in einer schweren Krise, hat aber großes Potenzial zur Neuerfindung.

Voraussetzung:

  • Strategisches Denken statt reiner Tagesgeschäftsorientierung.
  • Aufbau professioneller Strukturen und moderner Führungskultur.
  • Mut, Veränderungen nicht als Bedrohung, sondern als Chance und Gestaltungsraum zu begreifen.

Change-Management wird als praktisches Werkzeug verstanden, das Orientierung gibt und hilft, Zukunft aktiv zu gestalten.

Wer Veränderungsprozesse bewusst steuert, kann im sich veränderten Friseurhandwerk nicht nur überleben, sondern zu den Gewinnern gehören.