

23.01.2026
„Der Mindestlohn ist eine verschleierte Mogelpackung“
Unwissen führt zu den mitunter schlimmsten Fehlentscheidungen und Missverständnissen. Endlich Bildung und Aufklärung verlangt Axel Meininghaus und das beginnt schon bei der Lohngestaltung und der Frage nach der Sinnhaftigkeit des Mindestlohnes…
Raphaela Kirschnick im Gespräch mit Axel Meininghaus, Inhaber und Geschäftsführer der Meininghaus Akademie
Mit welcher Motivation gehen Sie ins neue Jahr?
Axel Meininghaus: Grundsätzlich bin ich ein optimistischer Mensch. Aber die in den Medien bejubelte Mindestlohn-Thematik ist eine verschleierte Mogelpackung: für Unternehmer, Mitarbeitende und sie belastet dienstleistende Berufe wie das Friseurhandwerk mehr, als sie nützt. Von den fortgesetzten Mindestlohnerhöhungen profitiert am Ende vor allem einer – aber niemand spricht es offen an.
Dann sprechen wir darüber. Worin sehen Sie die größte Herausforderung?
AM: Ich unterstelle, dass hier der Staat vor allem an sich denkt, seit er die „Tarifautonomie“ nicht mehr achtet, die galt früher als unantastbar: Die Branchen handelten ihre Tarife ohne Einmischung des Staates aus. Die Mindestlohn-Erhöhungen werden von Gewerkschaften und SPD als Errungenschaft für Arbeitnehmer gefeiert – die eigentlichen Profiteure sind jedoch die gebeutelten Sozialkassen und das Finanzministerium, also die „öffentlichen Hände“. Das Schlimme an der Sache ist, dass die beiden dieses Geld wirklich brauchen, weil sie seit langem zu viel ausgeben!
Für Lohnempfänger ist die Freude oft nur kurz, denn steigende Löhne ohne zugleich steigende Produktivität führen konsequent zu steigenden Preisen und in die Entwertung des Geldes (Inflation).
Und die öffentliche Hand profitiert überproportional?
AM: Da praktisch nie vollständig über das deutsche System der Abgaben insgesamt gesprochen wird, bleibt in der öffentlichen Wahrnehmung unbemerkt, wieviel von jedem Euro Personalkosten an die öffentlichen Hände und wieviel davon als Nettolohn an die Arbeitnehmer geht. Selbst eine Google-Anfrage blieb unklar, solange man nicht speziell danach fragte. Die Personalkosten stehen nicht auf dem Lohnzettel (wie z.B.in England), sondern sind Bruttolohn plus die versteckten 25% vom Bruttolohn, nämlich 21% „Arbeitgeberanteile zur Sozialversicherung“, dazu die noch versteckteren 4% „Umlagen und Beiträge“. Daraus folgt aber, dass von diesen gesamten Personalkosten (!) eines Salons der Mitarbeiter im Mindestlohn nur 51% netto bekommt und die öffentlichen Hände 49%. Eine Führungskraft (z.B. eine Salonleitung, Single, ohne Kinder) wegen der höheren Steuern nur noch 50% netto und der Staat auch 50%, bei ganz hohen Gehältern kann es sein, dass der Staat sogar etwas mehr als der Angestellte bekommt! Da darf man schon einmal die Sinnfrage stellen.
„Und so steckt in der gepflegten Intransparenz der wahren „Brutto-brutto-Löhne“ wohl noch immer ein wenig „Klassenkampf“.“
Fast die Hälfte der Personalkosten der höheren Löhne gehen also an die öffentlichen Hände. Darüber wird auch nie gesprochen.
AM: Anfangs war das genau anders gedacht: Unter Bismarck ca. 1885 eingeführt sollte der Arbeitgeberanteil die großzügige Fürsorglichkeit der Arbeitgeber für ihre Arbeiter demonstrieren, um der aufkommenden Sozialdemokratie den Wind aus den Segeln zu nehmen. Allerdings waren diese Beiträge mit 2% lächerlich gering gegen heute. Ich nehme an, weite Teile der Gesellschaft finden noch immer, dass das Image des großzügigen Unterstützers nicht recht zu einem „typischen Arbeitgeber“ passen soll. Und so steckt in der gepflegten Intransparenz der wahren „Brutto-brutto-Löhne“ wohl noch immer ein wenig „Klassenkampf“. Schließlich will man ja auch morgen wieder neue Lohnforderungen stellen dürfen.
Bei Meininghaus verwenden wir die Fakten und machen die Lohnberechnungen in den Meisterkursen transparent, versuchen es auch schon bei den Auszubildenden vorzubereiten.
„Viele Kursteilnehmer haben keine Ahnung, wie sich der deutsche Sozialstaat finanziert…“
Wie gehen Sie das Thema im Meisterkurs an?
AM:. Spätestens ein Meister muss wissen, wie sich unser Sozialstaat finanziert, als Unternehmer wird er von selbst bemerken, wie eine vollständige Personalkostenberechnung aussieht. In unserem Fach Salonmanagement ist das Thema „Personalkosten, wie das der anderen Salonkosten wesentliche Grundlage und auch prüfungsrelevant.
„Vielen Migranten im Kurs ist das deutsche Sozialabgaben- und Steuersystem komplett fremd.“
Wie reagieren die Kursteilnehmenden?
AM: Es ist eine Kunst, das zu erklären, ohne ungewollt eine „Revolte“ auszulösen oder gar den Eindruck zu erwecken, graue Umsätze seien eine Option. Gerade im Meisterkurs müssen wir die Realität jedoch ohne Sprechverbote durchexerzieren. Diejenigen, die sofort nach bestandener Meisterprüfung selbstständig werden wollen, sind überwiegend unsere Migranten im Kurs, denen das deutsche Sozialabgaben- und Steuersystem zunächst komplett fremd ist.
Wie reagiert diese Gruppe konkret auf die Lohnberechnung?
AM: Die ersten Migranten verstanden überhaupt nicht, warum sie von ihrem Einkommen so viele Abzüge haben sollen, woher sollte sie es auch wissen, in ihrer Heimat-Welt gibt es das nicht. Vielen hat es den anfänglichen Traum von einer sehr lukrativen Selbstständigkeit in Deutschland empfindlich gestört. Inzwischen hat es sich zwar beruhigt, aber insgesamt ist geduldige Aufklärungsarbeit noch immer äußerst wichtig. Man kann leichthin darauf verweisen, dass sich mit diesen Abgaben u.a. die Unterstützung finanzieren muss, die sie selbst bei ihrer Ankunft erhalten haben.
Und wie reagiert der Rest der Gruppe?
AM: Eben nicht viel anders, fast alle sind zunächst verwundert. Unsere Meister müssen damit aktiv umgehen können, das ist essenziell für die Unternehmensplanung, vor allem für Mitarbeitergespräche auf beiden Seiten, für das Verständnis, warum Unternehmen heute höhere Preise bei weiterhin hoher Auslastung brauchen. Es wird viel echte Unternehmerqualität brauchen, um – ich sage das bewusst unmissverständlich – auch morgen noch auf legale Weise genug erwirtschaften zu können.
Interessiert das Mitarbeitende in Personalgesprächen überhaupt?
AM: Ja, absolut. Wenn man mit Tatsachen kommt und die Struktur des Abgabensystems mit Arbeitgeberanteilen, Umlagen, Beiträgen und den Zweck der Geldverwendung einfach erklärt. Nur Unwissenheit birgt die Gefahr, dass Mitarbeitende ihre Chefs bei geforderten Mindest-Sollumsätzen unterschwellig der Ausbeutung verdächtigen – solange sie die Gesamtrechnung nicht kennen.
Der klassisch große Unterschied zwischen Theoria und Unternehmerpraxis?
AM: Genau. Wir müssen unser wirtschaftliches Übungsfeld doch als erstes genau kennen – wenn ich nur an Billigsalons, Barbershops und die stark wachsende Schattenwirtschaft denke, in die sich die flüchten, die es legal nicht schaffen (können oder wollen).
Und dennoch sollten wir einen klaren Abstand zum Mindestlohn schaffen!
AM: Mit dem neuen Mindestlohn brauchen wir natürlich einen deutlichen Lohn-Abstand für die leistungsstarken Fachkräfte. Woher soll der kommen? Nur dadurch, dass wir besser werden und für unsere Kunden attraktiv bleiben, auch nachdem wir teurer werden mussten. Die höheren Löhne zahlen ja nicht die Chefs, sondern die Kunden über steigende Preise!
„Leider aber fährt unsere duale Friseur-Ausbildung seit Jahren schlaftrunken in Richtung Wand…“
Wenn der Mindestlohn steigt, erhalten am Ende auch jene, die noch nicht gut genug sind, einen Lohn, der zunächst wie eine Art Bürgergeld wirkt. Dieses Kernproblem kann letztlich und nachhaltig nur eine verbesserte Ausbildungsqualität ausgleichen. Leider aber fährt unsere duale Friseur-Ausbildung seit Jahren schlaftrunken in Richtung Wand, da passiert in der Breite viel zu wenig Hilfreiches.
Der neue Mindestlohn gilt aber für alle, auch für ungelernte Arbeiten, egal ob Putzpersonal, Lagerarbeiter oder Erntehelfer.
AM: Genau da landen wir wieder beim Eigennutz der Politik. Der Mindestlohn sieht zwar aus wie ein Geschenk an die Wähler, es ist aber eher ein Geschenk an sich selbst.
Wie vermitteln Sie das im Meisterkurs? Bei der Kalkulation hapert es ja oft schon.
AM: Ohne Übung kein Können, wie beim Sport. Wenn man alle Kosten kennt, kann nachgerechnet und kalkuliert werden. Bei 14 Euro Mindestlohn sprechen wir von einem monatlichen Bruttolohn von 2.350 Euro. Das ergibt netto etwa 1.550 Euro für den Arbeitnehmer – und kostet den Arbeitgeber knapp 3.000 Euro. Ich kann dann im Kopf einfach ¼ des Bruttolohns dazuzählen und habe die Personalkosten. Dann brauche ich einen Lohnfaktor von dreimal, in vielen Fällen viermal Bruttolohn. Mitarbeiter mit Mindestlohn müssten im Monat also mindestens 7.000 bzw. 9.000 Euro Umsatz schreiben, um rentabel zu sein, alle Mitarbeiter mit höheren Löhnen landen dann inzwischen bei 10.000€ Sollumsatz pro Monat. Das wird für 2026 und 2027 die Aufgabe.
Aufklärung ist der erste wichtige Schritt.
AM: Die Gießkanne, die der Staat jährlich ausgeschüttet, macht vielen kleineren und mittleren Betriebe Probleme, die sich jetzt die jährlichen Lohnerhöhungen für alle leisten können müssen. Aber: Einem gut geführten Unternehmen mit motivierten und leistungsstarken Mitarbeitern wird das alles nichts anhaben, wer mit Freude an seiner Arbeit und Zuversicht auch sein Bestes zu geben bereit ist, wird selbst in schwierigem Umfeld die Kraft finden, erfolgreich zu sein!
Das sind doch schöne und wieder optimistische Schlussworte. Vielen Dank, Herr Meininghaus für das offene Gespräch.
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