Screenshots Sabine Schömann-Kuhnen | Fotocredit: Markus Schmidt

20.11.2025

2.500 Euro für den Meistertitel: So laufen die Scheinbetriebsleiter-Geschäfte

Ein Barbershop to be sucht per Facebook einen Friseurmeister, der seinen Titel „offiziell zur Verfügung stellt“ – für 2.500 Euro im Monat. Innungsmeisterin Sabine Schömann-Kuhnen geht dem Angebot nach, ...

Raphaela Kirschnick im Gespräch mit Sabine Schömann-Kuhnen, Friseurunternehmerin, Innungsmeisterin Bernkastel-Wittlich.

Sabine, du hast dich „fake“ auf ein ominöses Inserat beworben! Gesucht wurde „ein Friseurmeister, der offiziell seinen Meistertitel zur Verfügung stellt“ (siehe Bild). Erzähl!
Sabine Schömann-Kuhnen:
Ja, genau! Wir hatten bereits häufiger in unserem Innungskreis Anrufe in Salons mit der Anfrage, den Meister zu stellen, damit ein Barbershop seinen Salon eröffnen kann. Als dann zuletzt das Angebot per Facebook über die Gruppe „Bernkastel-Kueser Stammtisch“, also eine öffentliche Gruppe, reinkam, habe ich mich bei denen gemeldet. Als Innungsmeisterin in der Region wollte ich diesem Thema mal kritisch nachgehen.

Und was verbirgt sich nun konkret dahinter?
SSK:
Um einen Barbershop eröffnen zu können, wird ein Friseurmeister gesucht, der dafür seinen Meistertitel bereitstellt. Dafür erhält man dann monatlich 2.500 € Gehalt.

2.500 € für was genau?
SSK:
Ein Meisterlohn ist das nicht, das zeigt, er kennt auch den Tarifvertrag nicht. Nach meiner Bewerbung hat er mich angeschrieben. Mir wurde dann mitgeteilt, ich müsste zwei Tage die Woche im Barbershop anwesend sein und mich dafür ein Jahr binden.

Und dann seid ihr wie verblieben?
SSK:
Ich bin dann direkt zur Handwerkskammer Trier, um sie zu informieren. Dort arbeitet man intensiv an solchen Fälle und wird sich auch dieses Falles annehmen. Scheinbetriebsleiterschaften bei Barbershops und Billigsalons sind ein großes Thema.

Und wie geht es jetzt weiter?
SSK:
Ich wollte eigentlich gerne weiter verhandeln, um noch mehr darüber zu erfahren. Die HWK Trier hat mir aber nahegelegt, mich aus dieser Situation herauszuhalten, da es sich auch um Clankriminalität handeln und das durchaus gefährlich werden könnte.

Scheinbetriebsleiterschaft ist ja das eine, aber wie reagiert man, wenn man Clankriminalität hört?
SSK:
Mein erster Gedanke war: Moment, ich bin in einem Dorf mit 2.400 Einwohnern. Was habe ich mit Clankriminalität zu tun? Aber wenn man dann ein wenig nachforscht, erfährt man viel. Es gibt auch in Bernkastel und Wittlich diese Familienclans, die dann eben diverse Geschäfte eröffnen, darunter Barbershops.
Wir sind nicht Berlin, keine Großstadt, sondern Provinz. Es schockiert mich der Gedanke, dass das auch hier bereits Einzug gehalten haben könnte.

Und wurde der Laden auch eröffnet?
SSK:
Das wird sicher passieren. Nur es fehlen bei uns die Kontrolleure, das heißt, es wird lange gut gehen und dann, wenn es mal Kontrollen geben sollte, schließen sie und machen an der nächsten Ecke wieder auf.

Hast du da nicht ein bisschen Angst, so öffentlich darüber zu sprechen?
SSK:
Nee, ich habe gar keine Angst, denn ich bin der Meinung, dass man da voll frontal vorgehen muss. Also, wenn nicht ich, wer dann? Das Friseurhandwerk leidet massiv unter diesen Missständen.

Was macht die Handwerkskammer Trier weiter?
SSK:
Mir wurde von einigen laufenden Verfahren berichtet, über die natürlich nicht gesprochen werden darf. Man geht dort sehr offensiv mit diesen Themen um, das finde ich gut und wichtig.

Gab es denn in jüngster Zeit Kontrollen?
SSK:
In Wittlich gab es vor Kurzem einen Großkontrolltag, da arbeiteten Handwerkskammer und Gewerbeamt der Stadt Wittlich eng zusammen.

Du bist Innungsmeisterin für Bernkastel-Wittlich. Wie viele klassische Friseursalons gibt es bei euch und wie viele Barber- und Billigsalonkonzepte?
SSK:
Es gibt circa 60 Salons, davon schätze ich, sind 20 Barber. Es gibt leider kein Register, wo man das findet, da auch die Barbershops als Friseursalon registriert sein müssen. Es wird nicht differenziert erhoben.

Was sind eigentlich die Meisterbedingungen im Friseursalon?
SSK:
Aktuell gilt bei uns im Rheinland ein Meisterstundenlohn von 17,50 €. Und ein Betriebsleiter muss ja nahezu vollschichtig im Salon da sein. Das passt ja schon mit den zwei Tagen nicht zusammen.

Sind Barber bei euch in der Innung?
SSK:
Na klar, wir haben einige Barber bei uns in der Innung, ebenfalls mit Migrationshintergrund, das ist gar kein Thema.

Was wünschst du dir von der Politik in puncto Barbershops, Billigsalons und Schwarzarbeit?
SSK:
Es müssen viel mehr Kontrollen stattfinden. Ich möchte auch offen über das Problem sprechen können, ohne dass man mir Ausländerfeindlichkeit vorwirft. Denn darum geht es nicht, aber es sind nun mal bestimmte Gruppen, die sich nicht an die geltenden Regeln halten. Und diese Gruppen kann man klar definieren. Die Politik muss Strukturen schaffen und Personal bereitstellen, sodass Ordnungsamt und Polizei viele Einsätze fahren können. Und das muss vor allem verdeckt und zu ungewöhnlichen Zeiten passieren. Denn mittlerweile haben diese Gruppen Warnsysteme aufgestellt, sodass einer Schmiere steht und dann alle Geschäfte warnt.

Wie gut ist die Handwerkskammer aufgestellt?
SSK:
Bei der Handwerkskammer hat sich personell für uns einiges getan. Wir haben zwei Beauftragte, einer ist für die Eintragung in die Handwerksrolle zuständig und beide gehen auch in die Betriebe und kontrollieren die Betriebsinhaber.

Liebe Sabine, ich danke dir für das Gespräch und deinen Mut, hier ein paar Extra-Schritte zu gehen.