

08.01.2026
„Die Krise im Friseurhandwerk hängt mit Arbeits- und Ausbildungsbedingungen zusammen.“
Tarifverträge brauchen Menschen, die mitverhandeln, Arbeitgebende und Arbeitnehmende. Gewerkschaftssekretär Volker Nüsse erklärt, warum viele Friseurbeschäftigte aus Angst vor Druck schweigen und weshalb man keine Mitgliederzahlen nennen will …
Raphaela Kirschnick im Gespräch mit Volker Nüsse, Gewerkschaftssekretär ver.di
Wie viele ver.di Mitglieder aus dem Friseurhandwerk gibt es aktuell in Deutschland, beziehungsweise in den jeweiligen Bundesländern?
Volker Nüsse: Die Zahl unserer Mitglieder ist in den vergangenen Jahren stabil geblieben. Ein paar tausend Kolleg*innen haben sich in ver.di organisiert. Wie viele es aber im Einzelnen, in welchen Regionen oder einzelnen Unternehmen sind, dazu machen wir für gewöhnlich keine Angaben.
Weshalb wollen Sie keine Mitgliederzahlen bekannt geben?
VN: Damit behalten wir uns taktische Spielräume in Verhandlungen, wenn es um die Einschätzung der Stärke der Gewerkschaft geht.
Friseurinnungsverbände in einzelnen Bundesländern beklagen, dass auf ver.di Seite Mitglieder fehlen und so keine Tarifkommissionen zustande kämen. Wie erklären Sie sich das?
VN: Ich sehe dafür zwei Gründe. Es gibt im Friseurhandwerk leider beinahe keine Mitbestimmung der Beschäftigten über Betriebsräte. Die Kolleg*innen im Friseurhandwerk arbeiten in der Regel auch in sehr kleinen Betrieben und Unternehmen, in denen zum Beispiel auch das Kündigungsschutzgesetz nicht zur Anwendung kommt. Auch die Abdeckung mit Tarifverträgen ist zu gering. Da muss Schritt für Schritt eine Kultur der Mitbestimmung auf- und ausgebaut – bei den Beschäftigten und den Saloninhaber*innen. Zum Glück haben wir gesetzliche Bestimmung, die es Beschäftigten ermöglichen, sich zu in einer Gewerkschaft zu organisieren und gemeinsam Verbesserungen zu erreichen. Aber diese Gesetze taugen nur etwas, wenn sie aus den Salons heraus mit Leben gefüllt werden.Es fällt uns immer wieder schwer, Kolleginnen und Kollegen zu finden, die bereit sind, sich in der Tarifarbeit zu engagieren.
Weshalb ist das ein Problem?
VN: Als Gewerkschaft sind wir eine mitgliederfinanzierte Interessenvertretung für die Belegschaften. Gemeinsam setzen wir bessere Löhne, mehr Urlaub, Gesundheitsschutz und vieles mehr durch. Gewerkschaft bedeutet zweierlei: Als Mitglied genieße ich den Schutz der Gemeinschaft, zum Beispiel bei Rechtsstreitigkeiten mit dem Arbeitgeber. Aber es ist auch wie im Fitnessstudio. Wenn ich etwas erreichen will, dann reicht die Mitgliedschaft allein nicht aus, ich muss mich auch bewegen. Die Arbeitssituation vieler Beschäftigter ist so prekär, dass es für sie eine große Sache ist, sich gewerkschaftlich für Verbesserungen zu engagieren, denn sie fürchten Druck und Nachteile von Seiten ihres Arbeitgebers. Und gleichzeitig haben viele Kolleginnen und Kollegen nur schwer die Zeit, nach der Arbeit und allen anderen Verpflichtungen im Leben, dieses Engagement aufzubringen. Glücklicherweise sind wir mit einigen Innungen und auch mit dem Zentralverband des deutschen Friseurhandwerks im Gespräch, um hier das Verständnis auf beiden Seiten zu schärfen und Wege zu finden, wie wir die Mitbestimmung durch Tarifverträge ausbauen können
"Dass das Friseurhandwerk stark in die Krise geraten ist, hat jedoch wesentlich mit den Arbeits- und Ausbildungsbedingungen zu tun."
Sind denn Lösungen greifbar?
VN: ver.di möchte zu einer Verbesserung beitragen, denn die Entwicklung in der Friseurbranche ist besorgniserregend. Da ist zum einen die demografische Situation und zum anderen eine sehr belastende Arbeit mit geringer Bezahlung. Viele Kolleginnen und Kollegen treten früher aus dem Beruf aus, doch leider kommen viel zu wenige nach. Dass das Friseurhandwerk stark in die Krise geraten ist, hat jedoch wesentlich mit den Arbeits- und Ausbildungsbedingungen zu tun. Da fordern wir seit Jahren Verbesserungen. Vor zehn Jahren haben wir mit sehr viel Energie versucht, einen bundesweiten Ausbildungstarifvertrag durchzusetzen. Damals sind wir auf viel Gegenwind in der Branche gestoßen. Da ist ein wichtiger Zeitpunkt verpasst worden.
Was sind denn dann die Hürden, weshalb die Mitglieder nicht für die Friseurbranche sprechen wollen?
VN: An erster Stelle steht vielleicht die fehlende Kultur der Mitbestimmung. Dann ist die Tarifarbeit auch zeitaufwendig. Ver.di ist keine Tarifbehörde, wo man einen Tarifvertrag beantragen kann, und dann entscheidet da eine Verwaltung und macht dann den Stempel drauf. Tarifverträge müssen wir gemeinsam durchsetzen und ver.di, das sind die Beschäftigten, die mit ihrer Mitgliedschaft und Beteiligung gemeinsam was erreichen wollen. Kommt es in den Verhandlungen zum Stocken, dann verleihen sie gemeinsam mit Aktionen und Streiks ihren berechtigten Forderungen Nachdruck. Je mehr da mitmachen, desto besser die Verhandlungsposition.
Für Verhandlungstermine, Diskussionen, Schulungen muss man Zeit aufwenden. Wenn es von Seiten der Arbeitgeber dann keine bezahlte Freistellung dafür gibt, dann ist das eine große Hürde. Die Kolleg*innen können sich selbst die Teilnahme an Tarifverhandlungen schlicht und ergreifend nicht leisten.
Wie hoch ist denn der ver.di Mitgliedsbeitrag?
VN: Der Beitrag ist immer 1% vom Bruttolohn pro Monat. Das ist ein solidarisches Prinzip und bedeutet, wer mehr hat, zahlt auch mehr, wer ein geringes Einkommen hat, hat auch einen niedrigeren Beitrag.
Für jemanden, der nicht viel verdient, sind 20 € viel Geld. Welche spezifischen Vorteile und Unterstützungsangebote haben Beschäftigte im Friseurhandwerk durch eine ver.di-Mitgliedschaft?
VN: Es gibt viele Vorteile, zum Beispiel Rechtsschutz und Rechtsberatung für Beschäftigte, wenn sie Probleme im Job haben oder wenn sie eine gerichtliche Vertretung im Arbeits- oder Sozialrecht benötigen. Daneben gibt es einen umfassenden Lohnsteuerservice, der richtig gut funktioniert und jedes Jahr große Summer für unsere Mitglieder vom Finanzamt zurückholt und auch Ermäßigungen bei Versicherungen, Eintritten u.v.m. für ver.di-Mitglieder. Zusätzlich betreiben wir Lobbyarbeit für das Handwerk. Auf der Ebene der EU sind wir für das Friseurhandwerk im sozialen Dialog vertreten und setzen uns für europaweite Verbesserungen beim Schutz der Gesundheit im Salon ein. Beim Schwarzarbeitsbekämpfungsgesetz haben wir gemeinsam mit den Handwerksverbänden viel bewirken können.
Wie versucht man die Friseurmitarbeitenden zu erreichen?
VN: Wir versuchen regelmäßig, über die Berufsschulen Kolleginnen und Kollegen zu erreichen. Das ist sehr aufwendig, und auch dort geht die Zahl der Auszubildenden und der Ausbildungsklassen zurück. Doch wo es noch Klassen gibt und uns die Schulen den Zugang gewähren, versuchen wir, im Unterricht über Gewerkschaften, Tarifarbeit und die Rechte der Beschäftigten zu informieren.
Wie erreicht man die 120.000 ausgelernten Beschäftigte?
VN: Wir hatten in diesem Jahr zum Beispiel ein Projekt in Niedersachsen. Dort hatte ein Kreis von aktiven Kolleginnen und Kollegen über Salonbesuche und direkte Gespräche versucht, mehr Friseurinnen und Friseure für das Engagement in Gewerkschaft zu gewinnen. Das war viel Aufwand und hat sich leider nicht verstetigt.
80.000 Betriebe deutschlandweit zu besuchen, ist sicher ineffizient. Das Friseurhandwerk benötigt jedoch dringend eine Arbeitnehmervertretung, in einigen Bundesländern sind die Tarifverträge aus dem Jahr 2019. Was sollte passieren?
VN: Wir brauchen eine umfassende Diskussion in der Branche darüber, dass es eine Verbesserung nur gemeinsam geben kann. Dafür braucht die Gewerkschaft die Möglichkeit, die Beschäftigten direkt zu erreichen. Zudem braucht es aktive Kolleginnen und Kollegen. Und die brauchen die Sicherheit, dass ein Einsatz für den Tarifvertrag keine Nachteile mit sich bringt.
Wie viel Zeit muss denn ein Gewerkschaftsmitglied pro Jahr investieren, um in so einer Tarifkommission zu arbeiten?
VN: Der Aufwand für die Beschäftigten ist überschaubar, weil vieles von den anfallenden Aufgaben durch unsere Organisation abgedeckt wird. Meine Kolleginnen und Kollegen sind mit den Beschäftigten im gesamten Tarifgebiet im Dialog, um die richtigen Forderungen aufstellen zu können. Dann gibt es Verhandlungstermine, bei denen alle Seiten am Tisch sitzen. Wichtig ist, dass die Kolleg*innen, die in der Tarifkommission sind, für diesen Zeitraum freigestellt werden und ihnen kein Gehalt verloren geht.
In einigen Bundesländern funktioniert die Zusammenarbeit mit ver.di sehr gut. Auf dem kurzen Dienstweg hat man es geschafft, sich auch ohne Tarifkommission zugunsten der Beschäftigten zu einigen, zum Beispiel in Rheinland-Pfalz. Einige Bundesländer würden diesen Weg ebenfalls gehen, weil sich dort offensichtlich keine Beschäftigten finden. Das ist eine Pattsituation, an der vor allem die Mitarbeitenden leiden, da die Gehälter weiterhin nicht angehoben werden. Welche Vorschläge haben Sie?
VN: Wir blockieren das nicht. Es steht jedem Arbeitgeber frei, mehr zu zahlen. Aber alleine schafft es das Handwerk anscheinend nicht. Wir sehen ja, wenn es keine Tarifverträge gibt, dann wird Mindestlohn gezahlt. Unsere Voraussetzung ist, dass es eine Tarifkommission gibt, die aus den Reihen der ver.di-Mitglieder gewählt wird. Denn das ist unser Grundsatz: Nur die Beschäftigten selbst können über die Tariffragen entscheiden. Und wenn die Tarifkommissionen in einigen Ländern nicht mit am Tisch sitzen, dann eher, aufgrund der besprochenen Hürden. Die Entscheidungen treffen sie dennoch.
"Für schlechte Arbeitsbedingungen kann man die Gewerkschaft nicht verantwortlich machen."
Medien beziehen sich auf Statistiken, und die reflektieren die in Tarifverträgen vorgegebenen Gehaltsstrukturen. Das fällt dem Friseurhandwerk imagetechnisch auf die Füße.
VN: Der Schaden entsteht dadurch, dass zu wenig gezahlt wird. Für schlechte Arbeitsbedingungen kann man die Gewerkschaft nicht verantwortlich machen. Wir sind bereit, bessere Bedingungen zu verhandeln und abzuschließen, wenn die Signale auch aus den Belegschaften da sind.
In Schleswig-Holstein wurde mir mitgeteilt, dass trotz aktiver und williger Mitglieder keine Tarifkommission zustande kam.
VN: Ich weiß von meinen Kolleginnen, dass unsere Mitglieder dort mehrfach angeschrieben wurden. Es gibt vereinzelt eine große Bereitschaft, sich zu engagieren. Wir sind dort auch mit der Innung in einem Austausch darüber, neue Wege zu gehen, um die Tarifarbeit wiederzubeleben. Da entsteht vielleicht zurzeit ein neuer Ansatz und ich hoffe, dass dieses Licht aus dem Norden weiter ausstrahlen wird. Kolleginnen und Kollegen, die sich für Tarifverträge und bessere Arbeitsbedingungen einsetzen möchten, können sich gerne bei mir oder vor Ort bei ver.di melden.
Herr Nüsse, ich bedanke mich für das Gespräch.

