Rene Krombholz' Kommentar zu Coronahilfen und Friseur Triage | C: Krombholz

20.01.2021

Rene Krombholz Friseur Triage: Wen lassen wir leben, wer stirbt?

Entgegen den Versprechungen der Politik greifen Überbrückungshilfen nicht. Rene Krombholz schaut sich Fakten an und setzt diese in Relation zur Branche, die derzeit verzweifelt nach Hilfe und Unterstützung ruft…

Die Situation im Friseurhandwerk ist ebenso bekannt, wie besorgniserregend. Brandbriefe, Demos und Proteste stürmen von allen Seiten auf Politik und Gesellschaft ein. Nicht nur deshalb sind bei den derzeitigen Hilfen Änderungen notwendig! Aktuell scheinen ehrliche und fleißige Unternehmer/innen abgestraft zu werden.

Rene Krombholz hat sich angeschaut, was die derzeitigen Lösungen für die Friseurbranche und deren Zukunft bedeuten. Das ist durchaus erschreckend.

Kommentar und Fakten von unserem geschätzten Kollegen Rene Krombholz, Salonunternehmer, Medieninhaber und Gründer der Wertegemeinschaft  der Kampagne „Der faire Salon“ im Original Wortlaut

Kommentar von Rene Krombholz

„Die Situation im Friseurhandwerk ist ein Desaster, den Meisten mehr oder weniger bekannt. Darum habe ich die zugehörigen Fakten an den Schluss dieses Statements gestellt.

Dem Friseurhandwerk geht es schlecht. Zurzeit gibt es Hilferufe und Brandbriefe aus allen Richtungen in Richtung Politik. Berechtigt, denn die Versprechungen der Politik werden nicht gehalten, reichen nicht aus, haben zudem einen falschen Denkansatz der zu weiteren, katastrophalen Auswüchsen führen kann.

EIN SCHLAG INS GESICHT
Für mich als Friseurunternehmer, Fachautor und Gründer der Wertegemeinschaft für Friseure: „Der faire Salon“ sind die sogenannten Hilfsmaßnahmen, insbesondere die Überbrückungshilfe III (in der jetzigen geplanten Form)ein Schlag ins Gesicht der vielen redlichen Unternehmer, die Mitarbeiter fair entlohnen und ihre Einnahmen ehrlich versteuern. Da die meisten der angebotenen Hilfen für das Friseurhandwerk nicht passen, bleibt selbst für bisher erfolgreiche Unternehmer nur der Weg zu Hartz IV.

„Fleiß und Ehrlichkeit werden bestraft“

DER EHRLICHE IST DER DUMME
Als der zweite Lockdown angekündigt wurde, haben viele Friseure reagiert um überhaupt etwas (vom sonst umsatzstärksten Monat) zu retten. Freie Tage wurden gecancelt, Öffnungszeiten ausgeweitet. Die Medien berichteten, dass viele Kollegen/innen bis tief in die Nacht im Salon standen, um jetzt festzustellen, dass ihr Unternehmen für die Überbrückungshilfe nicht in Frage kommt. Voraussetzung dafür sind nämlich wenigstens 30. Umsatzverlust.
Es gibt Unternehmen, die haben nur wenige €uro „zu viel“ eingenommen – werden jetzt wegen Fleiß und Ehrlichkeit bestraft, indem Hilfe verwehrt wird. Schwarze Schafe, die es nun mal in jeder Branche gibt, können ihre Einnahme und ihr nicht sichtbares Schwarzgeld behalten und bekommen Überbrückungshilfe, weil der Verlust größer als 30% war? Das kann nicht sein!


UMSATZ IST NICHT GEWINN
Was die Politik außer Acht lässt: das Friseurhandwerk ist das Handwerk mit den niedrigsten Margen. Die Branche arbeitet im Durchschnitt mit einem Reingewinn von rund 10 % .
Selbst wenn der Umsatzverlust „nur“ 25 % beträgt, bedeutet das keineswegs, dass dieses Unternehmen einen Gewinn erzielt hat. Oft sind nicht einmal die Kosten gedeckt. Der Unternehmer verfügt über keinerlei Kapital zum Lebensunterhalt, verschuldet sich darüber hinaus durch die nicht gedeckten Kosten. Hier ist auch der angedachte Prozentsatz zum Ausgleich eines Verlustes bei den Fixkosten nicht hilfreich.

„Wen lassen wir leben, wer stirbt?“

DIE GRAUSAMKEIT DER TRIAGE
Wen lassen wir leben, wer stirbt? Müssen die Kleinen verrecken, damit große Ketten und Konzerne profitieren? Der Staat kann nur begrenzt helfen? Mir fallen da die (von Fachleuten geschätzten) 1.000 Milliarden €uro ein, die von den Globalplayern am Allgemeinwohl verbeigeschleust werden…

Aber ich denke auch an die rund 30% Kleinstunternehmer im Friseurhandwerk. Ihnen geht, wegen der angegeben niedrigen Umsätze, ein gewisser Ruf vorher, es wäre aber anmaßend alle als schwarze Schafe abzustempeln. Mit einem maximalen Jahresumsatz von 20.000 € liegen sie am Existenzminimum und bedürfen Hilfe, keine Frage.
Umgekehrt sind Diese Umsatzsteuerbefreit, bilden so gut wie nie aus, beschäftigen keine Arbeitnehmer – Als Soloselbstständige dürfen sie aber ohne Steuerberater oder Verlustnachweis die Überbrückungshilfe beantragen. Nein, ich fordere keineswegs die Triage, wohl aber Gleichbehandlung für alle, die ehrlich und fair arbeiten! Es kann nicht sein, das der Teil der Marktteilnehmer, der von der Umsatzsteuerbefreiung profitiert problemlosen Zugang zu Hilfen hat und den Unternehmen, welche hier das Nachsehen haben und alles finanzieren, wird der Zugang vorerst verwehrt.

„…haben die ihre Nase vorn, welche früher schon den Haarschnitt auf Staatskosten subventioniert und sich dem Allgemeinwohl entzogen haben“

DIE ZUKUNFT ALS HORRORSZENARIO
Die Unausgeglichenheit dieser schnellgestrickten und immer wieder geflickten und modifizierten „Hilfsmaßnahmen“ beängstigt mich. Mein Friseurhandwerk erlebte in den letzten Jahrzehnten einen Verdrängungswettbewerb. Viele Unternehmer/innen haben sich wacker geschlagen, auch wenn für sie das Handwerk nicht mehr den „goldenen Boden“ von einst hatte. Sie haben ausgebildet, Arbeitsplätze geschaffen und ehrlich ins Allgemeinwohl gewirtschaftet.
JETZT – und mit den Überbrückungshilfen III - haben aber die ihre Nase vorn, welche früher schon den Haarschnitt auf Staatskosten subventioniert und sich dem Allgemeinwohl entzogen haben.

Die Folgen einer falschen Unterstützung sind fatal! Werden wir demnächst nur noch 10.- € und Discountfriseure in unseren Städten erleben und einige wenige Luxussalons dazu? Das könnte passieren, wenn die Regularien zu den Hilfsmaßnahmen so bleiben wie sie jetzt angedacht sind. Werden wir vor leeren Schaufenstern stehen, während sich Amazon ins Fäustchen lacht????  

UMDENKEN
Nein, ich fordere weder das sofortige Ende des Lockdowns, noch möchte ich die Politik beschimpfen. Persönlich möchte ich nicht Entscheidungen solcher Tragweite treffen, zumal alles Neuland ist. Als Mitglied der BUSINESS HANSE folge ich einem anderen Denkansatz, dem der Nachhaltigkeit.

Ich glaube, dass wir die derzeitige Katastrophe gemeinsam bewältigen können, aber nur wenn sozialer Zusammenhalt und Frieden gewährleistet sind.  So einige, der vorgenannten Dinge, sind hier (meiner persönlichen Auffassung nach) kontraproduktiv. 

An die Adresse der Politik gerichtet, fordere ich ein Umdenken.
Die über 200 000 Tätigen in meinem Handwerk – nebst hunderttausenden Menschen in anderen Berufen sind wichtiger als der Börsenkurs von Amazon. Für mein Handwerk wurde zwar schon lange ein „Gesundschrumpfungsprozess“ gewünscht – aber wenn am Ende die ehrlich und fair agierenden Handwerker verschwunden sind ist das zwar geschrumpft – aber nicht gesund.
Beziehen Sie die Gedanken der Nachhaltigkeit, Fairness und Redlichkeit in Ihre Überlegungen mit ein.

Rene Krombholz  
 

--- FAKTEN ---
 

NICHTS GEHT MEHR
6 Wochen ohne Einnahme im Frühjahr 2020, das gleiche Horrorszenario seit dem 16.Dezember2020, derzeit noch andauernd, keiner weiß wie lange.  Dazu von der Regierung offerierte „nicht-Rückzahlbare“ Soforthilfen, die jetzt doch zumeist zurückzuzahlen sind. Dazu keine Dezemberhilfe, keine 75% vom Umsatz wie in der Gastronomie.

Die Überbrückungshilfe II. greift bei Friseuren nicht, die Überbrückungshilfe III kann noch nicht einmal beantragt werden.

DIE KASSEN SIND LEER
Keine Einnahmen und die Kosten für Miete, Energie, Versicherungen und Abzahlungen laufen weiter. Rücklagen wurden meist im ersten Lockdown aufgebraucht. Fast alle erhalten noch nicht mal einigermaßen rechtzeitig das KUG für ihre Mitarbeiter und sollen Löhne vorstrecken.

SELBSTHILFE
Friseure haben keine Möglichkeiten zur Selbsthilfe mit einigermaßen lohnenswerten Onlineverkauf oder ToGo Services. Den meisten Friseuren bleibt der Zugang zu kurzfristig gewährten Krediten oder Bürgschaftsdarlehn versagt. Der Branche geht es seit Jahren schlecht, zu wenig kreditwürdig, so das Urteil der Bank in den meisten Fällen.

BEDENKLICH
73% der Friseurbetriebe kommen über einen Jahresumsatz von 125.000 € nicht hinaus. Der renommierteste Betriebsvergleich für das Friseurhandwerk (Wella EVA Panel) nennt für diese Umsatzgröße einen Gewinn (Unternehmerlohn) von durchschnittlich 10%.

30% der Friseurbetriebe sind (von der Umsatzsteuer befreite) Kleinstunternehmen. Sie erzielen pro Jahr einen Umsatz von unter 20.000 €uro.

Aus den 63.317 Betriebsstätten im Jahr 2000 sind inzwischen (bei gleichbleibender Bevölkerungszahl)  rund 85.000 Friseurbetriebe geworden.

VERÄNDERUNG
Der Friseurmarkt wird sich in der Zukunft gravierend ändern. Discounter (und nicht nur KLIER) sind unter den Schutzschirm eines Insolvenzverfahrens geflüchtet, was aber nicht das Ende dieser Filialisten bedeutet. Sie haben jetzt die Möglichkeit, weniger rentable Betriebe und Mitarbeiter abzustoßen, um in Kürze neu in den Markt einzusteigen.

In der derzeit hohen Zahl von Auszubildenden in eigenen Reihen haben sie sogar ein großes Plus. Die Ausbildungsquote im Friseurhandwerk ist während der Pandemie dramatisch weggebrochen.

Die unternehmergeführten Betriebe stehen bereits in 2 - 3 Jahren vor einem Mitarbeitermangel der extremsten Art. KLIER & Co haben hier das bessere Potential

 

Zu Rene Krombholz

Rene Krombholz Ist Salonunternehmer, Chefredakteur des Friseur Magazin Friseur-News und Initiator der Aktion „Der faire Salon“

www.friseur-news.de

www.der-faire-salon.de