Credit: Salonkee | Mehlfeld | Oway

03.12.2025

Friseurausbildung im freien Fall, niemand stoppt den Absturz

Fehlende Lösungen für mehr Nachwuchs beschäftigen Friseurunternehmen in ganz Deutschland. Entwürfe zu Lösungsansätzen fehlen ihnen von Politik, Kammern und Verbänden. Jacqueline und Tim Mehlfeld riefen zur Diskussionsrunde gemeinsam mit Salonkee und Oway…

Eine Unternehmergruppe schlägt Alarm: „20,5 % der Azubis sind unterfordert und die Branche wundert sich über den Fachkräftemangel?“ fragt Tim Mehlfeld verständnislos in die Runde und zitiert die Ergebnisse des DGB Ausbildungsreport 2025. Im Rahmen eines Branchenevents im Salon von Jaqueline und Tim Mehlfeld gemeinsam mit Luca Carlucci, Salonkee und Roberto Romainczyk, Oway luden sie KollegInnen zur Diskussionsrunde.  

Ziel war ein offener Austausch mit Ausbildungsverantwortlichen und Branchenkennern über die reale Situation der Friseurausbildung in Deutschland. Was als Diskussion gedacht war, lieferte rasch einen ungeschönten Blick auf ein System, das strukturell längst an seine Grenzen geraten ist.

Niemand kann sagen, er hätte es nicht gewusst!

Die Zahlen geben ein eindeutiges Bild ab. Niemand kann behaupten, er hätte es nicht gewusst. Der DGB-Ausbildungsreport 2025 liefert keine Meinungen, sondern Fakten:

• 37,5 % der Friseur-Azubis fühlen sich über- oder unterfordert.

• 20,5 % sind unterfordert – der höchste Wert aller untersuchten Ausbildungsberufe.

Aktuelle Ausbildungsstatistiken Friseurhandwerk Deutschland

Unterforderung ist kein Komfortproblem, sondern ein klares Zeichen für Systemversagen. Denn es zeigt, dass Lernziele, betriebliche Realität und schulische Inhalte vielerorts nicht mehr zusammenpassen.

In den Gesprächen während des Events wurde deutlich, dass diese Diskrepanz kein Einzelfall ist, sondern Alltag in deutschen Friseurbetrieben. Der blinde Fleck der Branche: Die Struktur ist das Problem – nicht die Jugend

Das Friseurhandwerk besteht heute zu 73 % aus Betrieben mit weniger als 4 MitarbeiterInnen, in denen die InhaberInnen häufig selbst der wichtigste Umsatzträger sind. In solchen Strukturen bleiben Ausbildung, Feedback, Anleitung und pädagogische Begleitung zwangsläufig auf der Strecke – nicht aus bösem Willen, sondern aus realem Zeit- und Kostendruck.

Gleichzeitig steigen die wirtschaftlichen Belastungen und der neue Mindestlohn wirkt direkt auf personalintensive Betriebe. Politisch werden höhere Ausbildungsvergütungen diskutiert, jedoch ohne tragfähige Finanzierungsmodelle für die Praxis anzubieten.

So entsteht ein paradoxes System: Ein Beruf, der Nachwuchs gewinnen will, überfordert die wenigen Betriebe, die überhaupt noch ausbilden.
 

Neuer Standard Nachhaltigkeit

Roberto Romainczyk (Oway) zeigte auf, welche zentrale Rolle Sinnstiftung und Werte für die junge Generation spielen: "Wer Werte vermittelt, bindet junge Menschen. Wenn wir wollen, dass junge Menschen bleiben, müssen wir ihnen zeigen, wofür dieser Beruf steht. Nachhaltigkeit ist kein Trend, sondern ein Wert, der Orientierung gibt. Wer glaubwürdig handelt, gewinnt Bindung.“

Er machte deutlich, dass viele Ausbildungsabbrüche weniger fachliche, sondern kulturelle Ursachen haben. Jugendliche suchen nach Haltung, Verantwortung und Authentizität, offensichtlich finden sie diese in der Branche noch zu selten.

Digitalisierung muss im Berufsbild einziehen

Luca Carlucci (Salonkee) stellte die Bedeutung digitaler Kompetenz für die Zukunft des Handwerks heraus: Digitalisierung muss Teil der Ausbildung werden und darf kein optionaler Zusatz sein. Der Umgang mit Salonsoftware gehört zwingend ins Berufsbild – ohne digitale Kompetenz ist moderne Salonarbeit kaum mehr möglich.“

Er zeigte auf, dass digitale Systeme nicht nur Prozesse optimieren, sondern vor allem Ausbildung planbar, nachvollziehbar und strukturiert machen. Ein Punkt, der angesichts der hohen Unter- und Überforderung der Azubis besondere Relevanz besitzt.

Nur 10 Prozent tragen die Ausbildung – ein System vor dem Kipppunkt

Eine Zahl wirkte auf die Diskutanten besonders alarmierend: Nur etwa 10 % der Betriebe bilden überhaupt noch aus. Das bedeutet, dass eine sehr kleine Minderheit für den Nachwuchs eines gesamten Berufsstandes verantwortlich ist. Kein anderes gesellschaftliches System würde eine solche Schieflage langfristig überleben.

Ohne neue Modelle wie eine Ausbildungsumlage oder Formen geteilter Verantwortung zwischen Betrieben wird die Friseurausbildung weiter erodieren und das schneller, als vielen bewusst ist.

Tagesfazit

Die Friseurausbildung scheitert nicht an der jungen Generation, sie scheitert an veralteten Strukturen, an ökonomischen Realitäten, die die Ausbildung unattraktiv machen, sowie an der Illusion, dass Qualität ohne System entstehen kann.

Wissen, Mut und Lösungsansätze existieren längst. Doch ohne strukturelle Unterstützung bleibt Ausbildung ein Luxus, den sich viele Betriebe schlicht nicht mehr leisten können.

Mit diesem Appell richtet sich die Gruppe nicht nur an die Politik, sondern auch an alle Verbände und Kammern, die hier etwas bewirken können.