

09.01.2026
Tarifpolitik ist ein Luder. Aber wir könnten es zähmen?
Tarifzahlen prägen das Image – und die Medien finden immer dieselbe Tabelle. Warum das Friseurhandwerk statistisch in der Niedriglohn-Falle hängt und welche unorthodoxe Lösung Tarifverträge endlich wieder in Bewegung bringen könnte.
Kommentar von Raphaela Kirschnick
Es kommt keine Ruhe in die Negativberichterstattung: „Friseure werden teurer“, „Friseure verdienen nichts“, … die Mindestlohndebatte hat viel Öl ins Medienfeuer gegossen. Egal, ob FAZ, Spiegel oder Tagesschau: kaum ein Medium, das nicht mit einem Bild von FriseurInnen in Action seinen Beitrag untermalt und so den Friseur als Niedriglöhner ins kollektive Gesellschaftsgedächtnis brennt.
Und bevor wir jetzt auf die Medien einschlagen: Die machen ihren Job. Sie recherchieren. Jede Recherche führt zwangsläufig in die Tiefen der Tariftabellen.
Wie kommen wir da endlich raus?
Statistik Dilemma
Das Statistische Bundesamt stützt sich bei seinen alljährlichen Veröffentlichungen auf aktuelle Tariflöhne.
Der Haken daran: In vielen Bundesländern wurden die Tariflöhne seit vielen Jahren nicht angepasst, weil keine Tarifkommissionen zustande kamen. Die aufgeführten Gehälter liegen zumeist noch unter Mindestlohn und werden so längst nicht mehr gezahlt, da Mindestlohn Tariflohn sticht. Aber: es ist das einzig Verfügbare, schwarz auf weiß, belastbar, zitierfähig.
Es spielt keine Rolle, dass in der Realität längst mehr gezahlt wird. Statistisch werden tatsächlich gezahlte Löhne nicht erfasst. Wenn wir also wollen, dass das Friseurhandwerk anders wahrgenommen wird, dann müssen die Tariflöhne rauf.
Wertschätzung nach Außen – und die psychische Keule nach innen
Ebenso kontraproduktiv wirken dabei die ständigen Headlines seit dem neuen Mindestlohn: „Der Friseur wird teurer“ schreit es so oder so ähnlich, als ob das ein selbst verschuldetes, gemeines Unterfangen des gierigen Dienstleisters wäre.
Schlimmer noch als der Einfluss auf das Bild des Friseurs in der Öffentlichkeit ist die psychische Keule auf den Salonbetreiber.
Wer seit jeher Angst vor jeder Preiserhöhung hat, traut sich jetzt erst recht nicht, Preise konsequent anzupassen. Fataler Fehler – und die Negativkalkulationen rechnen es uns täglich vor. Die Preise müssen nach oben, wenn wir Wertschätzung fürs Handwerk erwarten und faire Löhne zahlen wollen. Alles andere ist Selbstbetrug.
Schlechtes Image drückt massiv auf den Mitarbeitendenstand – das zeigen Ausbildungs- und Beschäftigungszahlen seit Jahren. Auch qualitativ belegen Branchenstudien immer wieder: Berufswahlfeind Nr. 1 im Friseurhandwerk ist die zu schlechte Bezahlung.
Tarifpolitik ist ein Luder
Eigentlich ganz einfach: Es braucht in jedem Bundesland neue Tariflohntabellen – am besten mit ordentlichem Abstand zum Mindestlohn. Dafür braucht es Tarifkommissionen, in denen Arbeitgebende und Arbeitnehmende mitsprechen. Letztere werden von ver.di vertreten. Und jetzt kommt der Haken.
Mehrere Innungsverbände monieren eine nicht gesprächsbereite ver.di, ver.di kontert, nicht genügend gesprächsbereite Friseurbeschäftigte zu finden.
Im Interview will ver.di die konkrete Mitgliederzahl aus dem Friseurhandwerk nicht nennen. Verschleierte Zahlen haben immer einen Beigeschmack. Meine Vermutung: Es gibt nicht viele Friseurbeschäftigte, die sich gewerkschaftlich organisieren – dafür sind die Unternehmensstrukturen viel zu kleinteilig. Ver.di hat genug zu tun in anderen Gewerken, das Friseurhandwerk schaut durch die leeren Finger.
Und an dieser Stelle ein Satz an die Beschäftigten – ganz direkt: Wenn ihr wollt, dass sich Löhne ändern, dann muss jemand am Tisch sitzen. Tarif fällt nicht vom Himmel. Tarif wird gemacht.
Patt-Situation mit einem Leidtragenden
Und jetzt? Stillstand ist keine Option, also, wo sind die Lösungen?
Wenn wir wollen, dass die Wertigkeit des Friseurhandwerks steigt, dann müssen das auch die Verdienstmöglichkeiten widerspiegeln. Dann darf der Friseur in keinem Beitrag mehr zum Thema Niedriglohn erscheinen.
Zweifel?
Es beginnt schon mit der Ausbildung. Der Friseurberuf ist statistisch betrachtet der mit Abstand am schlechtest bezahlte Ausbildungsberuf in Deutschland. In Thüringen verdient der Friseurazubi 583 € brutto im ersten Ausbildungsjahr. In beispielsweise Thüringen gelten Tarifverträge aus dem Jahr 2019 (auch in Schleswig-Holstein, Bayern, u.a.). So wie in vielen anderen Bundesländern auch, diese ziehen die Bundesauswertung nach unten. So erhalten Azubis in Deutschland monatlich durchschnittlich 1.133,- €, Handwerksazubis 1.046,- € und Friseurazubis gerademal 719,- €.
Alle Details ► Ausbildungsvergütung
Unorthodox einfach machen
Wäre das Friseurhandwerk ein Unternehmen, gäbe es für 2026 einen Businessplan. Ein Punkt darin könnte sein:
Ziel: Tarifverträge in allen Bundesländern erneuern.
Herausforderung: Zu wenig Friseurbeschäftigte auf Arbeitnehmerseite, um Tarifkommissionen stabil zu besetzen.
Maßnahme: Möglichst viele Arbeitnehmende aktivieren, um in enger Abstimmung mit ver.di Tarifkommissionen zum Laufen zu bringen.
Umsetzung: Größere Friseurbetriebe und Filialisten sind ein Schlüssel und könnten konsequent Mitarbeitende abstellen, gezielt in jedem Bundesland, eng mit den Innungen zusammenarbeitend, um eine Art Branchen-Taskforce zu bauen, die genau ein Ziel hat: Tarifkommissionen arbeitsfähig machen.
Nicht „für ver.di werben“. Sondern: Beteiligung ermöglichen. Menschen freischaufeln, informieren, organisieren, an einen Tisch bringen – und dann in enger Abstimmung mit ver.di die Kommissionen starten, damit Tarifverträge endlich aktualisiert werden können.
Jetzt werden einige sagen, die spinnt, die Kirschnick. Auch gut, dann freue ich mich auf eure Ideen, aber bitte nicht als Kommentarromantik, sondern als Lösung, die funktionieren kann.
Eure Raphaela Kirschnick

