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Olaf Paul Paulsen hat Profil
Interview

Olaf Paul Paulsen hat Profil

Mindestlohn und magische 1600 Euro. Promistatus und Nena. Wann sollte man einen Kunden bitten zu gehen? Und junge Konsumierer ohne Drang ...

Olaf Paul Paulsen ist Kreativgeist, Friseurhandwerker, engagierter Unternehmer. Als Mitglied der ersten Stunde im Sebastian Urban Design Team hat er gelernt, durch Kunst andere Blick auf die Welt zu entdecken. Er ist warmherzig und empathisch, in seinen Augen blinzelt kindliche Neugier. „Gibst du viel, bekommst du viel zurück.“. Nach diesem Grundsatz lebt und handelt er. Ein sprudelnder Gesprächspartner.

Fakten:

geboren in Delmenhorst, aufgewachsen in Bremen
seit 1992 Unternehmer
1 Salon „CONTVREN“ in Bremen | 12 Mitarbeiter | 4 Auszubildende
Styling für Videos, Shows & Fotostrecken
2010 Diamand Ideas Award der Intercoiffure
seit 2007 Urban Design Team Member



ImSalon: Im Logo „CONTVREN“ wird das U zum V – warum?
Witzigerweise werde ich das immer wieder gefragt. Es ist das römische U. Ich glaube bei BVLGARI fragt niemand nach, oder? Der Name war eine Blitzidee als ich 21 war. Er klingt edel, zeitlos schön. CONTVREN ist meine geschützte Marke und das ist es, was ich tue: Ich verkaufe Conturen.



imSalon: Manche nennen dich „Starfriseur“ – wie siehst du das?
Wie viel ist ein Mensch Promi und wie viel nicht? Ich kann damit nichts anfangen. Für mich zählt der Mensch und jeder möchte als dieser gesehen und behandelt werden.

imSalon: Welche Stars gehen denn bei euch ein und aus?
Das macht einen guten „Starfriseur“ aus, wenn wir mal bei diesem Wort/Vokabular bleiben wollen, dass es keiner weiß. Ich schätze die Privatsphäre aller meiner Kunden und fände es unseriös, mich mit Namen größer zu machen, als ich bin.

imSalon: Aber es ist bekannt, dass du zu Nena eine besondere persönliche Beziehung hast. Kannst du dich noch an eure erste Begegnung erinnern?
Ich war mit 19 Jahren ein ausgesprochener Nena Fan! Sie hatte damals hier in Bremen ihr neues Album vorgestellt und ich bin neben die Bühne gegangen, um ein Autogramm und ein Foto zu bekommen. Sie hat mir damals in die Augen geschaut und gesagt: Wir beide sehen uns wieder! Das war wie ein Orakelspruch. Und so war es schließlich auch. Es gibt so Sachen, die sind von oben bestimmt und auf dieser Ebene treffen wir uns.

"Nena, (...) war und ist Trendsetterin, immer Top am Kopf."



imSalon: Aber sie ist hin und wieder mal in deinem Salon. Wie ist Nena als Kundin, welche Ansprüche setzt sie an ihre Frisur?
Sie lässt sich machen. Sie möchte vorab einen kurzen Überblick, aber dann hat sie Vertrauen und ist tiefenentspannt – aber das ist sie sowieso.
Jemand wie Nena steht in der Öffentlichkeit und damit unter Druck, ständig gut auszusehen. Und sie sieht immer großartig aus! Sie war und ist Trendsetterin, Top am Kopf. Sie ist eine der Frauen, die immer einen stilvollen schönen Haarschnitt hat, der immer auch ein bisschen rockt, das lebt sie und das ist sie.

imSalon: Dein Lieblingssong von ihr?
Viele! Aber es gibt einen Song, der immer schon für mein Leben stand - Fragezeichen: „Heut komm´ ich, heut geh´ ich auch und morgen ist es dann vorbei! …“ Folge deiner Intuition und mach das, was dein Herz dir sagt. Wir sind alle viel zu sehr von der Gesellschaft geprägt, zu oft konträr zu dem was wir eigentlich denken und fühlen.



imSalon: Sagt sich das aber nicht immer leichter, als es ist?
Wenn wir wirklich auch über Menschen und konsequente Lebenshaltungen sprechen wollen, hab ich hier noch eine Geschichte:

"Es ist gut, einfach mal nein zu sagen, (..) nicht alles zu tun, nur wegen des Umsatzes."



imSalon: Nur zu!
Vor ein paar Jahren kam eine Kundin zu uns, extra aus Braunschweig angereist. Sie sagte nur: „Na schauen Sie mich an, ich schaue unmöglich aus!“ Das konnte ich nicht bestätigen, sie sah super aus, guter Schnitt, tolle Farbe! Aber davon konnte ich sie nicht überzeugen, sie hatte etwas latent Aggressives an sich. Alle meine Vorschläge - länger, kürzer, Pony, stufig, andere Farbe - alles vom Tisch gewischt! Ich habe für mich entschieden, sie nicht zu bedienen und sie gebeten, zu gehen. Natürlich stellte sich die Frage, was wird sie jetzt draußen über mich erzählen? Die Antwort: Letztens erzählte mir eine Kundin, die mich dieser Frau empfohlen hatte, das war das Beste, dass du hast machen können, das hatte sie sehr beeindruckt, das war für sie besser, als jede Therapiestunde! Es ist auch gut, einfach mal nein zu sagen. Das ist das, was mich und meinen Laden ausmacht. Nicht alles zu tun, nur wegen dessen Umsatzes.

imSalon: Manch einer würde sagen: Beiß nicht die Hand die dich füttert. In welcher Preiskategorie seid ihr denn?
Wir sind im mittleren Preissegment angesiedelt, nicht exklusiv und teuer. Denn wir möchten nicht nur eine Schicht von Menschen ansprechen. Das würde unseren Salon farblos machen.

"Gibst du viel, bekommst du viel. 1600 Euro hören sich einfach besser an."



imSalon: Du bietest deinen Mitarbeitern Weiterbildung, die Teilnahme an Wettbewerbern, jüngst: Wella Trend Vision Award, wo ihr den dritten Platz geholt habt. Du zahlst 10 Euro die Stunde – stimmt das?
Ja, sie haben schnell die Möglichkeit, nach Umsätzen zu steigen. Nach dem Prinzip: Gibst du viel, bekommst du viel. 1600 Euro hören sich einfach auch gleich besser an. Die Debatte um den Mindestlohn ist leider armselig. Weniger zahlen grenzt für mich an Ausbeutung und ist eine Unverschämtheit.

imSalon: Friseure werden auch von der Politik gern als Beleggeisel für den Mindestlohn hergenommen.
Damit ist niemand glücklich. Die Diskussion wird am falschen Ende angepackt. Alles das, was von den Gehältern abgeht, ist zu hoch, man müsste bei den Gehaltsgruppen unter 2000 Euro reduzieren. Das schafft die Möglichkeit, zu konsumieren, in den Urlaub zu fahren, Essen zu gehen. Die Spirale dreht sich immer mehr nach oben. Ich, als Unternehmer, kann auch nicht endlos schrauben. Ich kann nicht immer wieder zum Kunden gehen und wieder 10 Euro mehr verlangen, irgendwann bleiben die dann weg. Ich mache mir viele Gedanken darüber. Auch darüber, dass viele Mitarbeiter nicht Bescheid wissen über Arbeitgeberanteile, dass wir noch mal 40% drauflegen, die Absicherungen, die Handwerkskammer, die Innungen zahlen – sie alle schrauben nach oben. Nur, wie weit soll sich das noch drehen? Auch die Industriefirmen mit ihren ständigen Preiserhöhungen. Da kostet die Tube Farbe bald 14 Euro. Klar, sie müssen investieren in Forschung und Entwicklung, aber es muss alles im Maß bleiben. Und das tut es nicht mehr. Das wird immer schwieriger.

"Dass Leute eine ganze Woche lang arbeiten und dann noch Geld vom Staat brauchen, (...) ist für unsere Branche wirklich peinlich!"



ImSalon: Hat sich wenigstens das Image seit der Anhebung des Mindestlohnes verbessert?
Ich denke, es hat dem Business generell geschadet. Dass man darüber reden muss, dass Leute eine ganze Woche lang arbeiten und dann noch Geld vom Staat brauchen, um die Miete zu zahlen, dass sowas geht, ist für unsere Branche wirklich peinlich! Aber natürlich gibt es auch Unternehmer, die sich über die Jahre bereichert haben, dies auf dem Rücken ihrer Mitarbeiter austragen. Ich habe Skrupel. Ich werde in diesem Sinn niemals ein erfolgreicher Unternehmer werden.
Ich schätze meine Mitarbeiter, suche nach Möglichkeiten, sie partizipieren zu lassen, ihnen Dinge zugutekommen zu lassen, z.B. Tankgutschiene für jemanden, der täglich eine weite Anreise in Kauf nimmt.

imSalon: Wie gehst du mit dem Promistatus beim Bezahlen um?
„Promis“ zahlen ganz normale Preise. Meine Arbeit ist das Haare schneiden, deren Arbeit z.B. Musik machen. Ich mag es nicht, wenn privilegiertere Menschen die Dinge umsonst bekommen und die, die es nötig hätten, dafür unentwegt bockern müssen.
Alles, was ich habe, habe ich mir auch hart erarbeitet. Ich habe viel lernen müssen, viele Fehlentscheidungen getroffen, aber immer genug Kraft und genügend Background gehabt, um durchzuhalten.

imSalon: Du unterstützt Nena´s Freie Schule Hamburg, wie denn?
Nena kann so unglaublich begeistern und motivieren, ich war sofort begeistert und wollte die Eröffnung mit lenken. Auch als Friseur kann ich mich fragen, wie ich die Dinge im Kleinen beeinflussen kann. Das war übrigens das einzige Mal, bei der Nenas öffentliche Aufmerksamkeit gewollt war: bei meiner Saloneröffnung 2008. Ich hatte alle geladenen Gäste statt Blumen und Geschenke, um eine Spende zugunsten der Freien Schule gebeten. Es kamen 10.000 Euro zusammen, mit denen ein halbes Stipendium für ein Kind finanziert werden konnte, dessen Eltern sich das nicht hätten leisten können. Das macht das Projekt ein Stück weit bunter. Sicher, die Schule ist speziell und nicht für jedes Kind geeignet, aber sie schließt eine Lücke und fördert Kinder mit individuellem Potential. Ich sehe es als unglaublich wichtig, Neugierde zu entwickeln und zu fördern, aber Neugierde geht nur über Eigeninitiative – und da hackt es meistens schon. Ich seh das bei den Lehrlingen, die nachkommen. Die haben keine Kreativität, keinen Idealismus, keinen Biss mehr. Wenn du denen im Bewerbungsgespräch erzählst wie toll dieser Beruf mit seinen vielen großartigen Facetten sein kann, dann verstehen die das nicht. Und schon gar nicht, dass du dafür immer etwas mehr machen musst, als die anderen, damit deine Expertise später auch gefragt ist. Das sind Konsumierer ohne Drang. Erschreckend.

imSalon: Braucht es mehr Initiativen?
Ich finde den neuen „Friseure Bewegen“ Film von Wella wirklich toll, aber ich glaube, das er bei der Masse leider nicht mehr ankommt.



imSalon: Du bist Mitglied im Urban Design Team. Warum?
Ich war neben Achim Dieckgießer 2007 Gründungsmitglied. Das fiel damals genau in die Zeit, als ich meinen Sebastian und Sassoon Flagship Salon eröffnete. Das Urban Design Team ist „a la bonheur“: Es hat uns einen guten handwerklichen Background geschaffen, die Umsetzung der Kollektionen zu erlernen. Wenn du die Basis beherrschst, dann kannst du alles machen. Das ist die Verbindung von Handwerk und Kunst, die Transformation des Haares als Werkstoff, mit Produkten geformt. Wir sind ein Team, es gibt immer Dinge, die der eine besser kann als der andere. Man bleibt offen und neugierig.

"Ich steige morgens in den Flieger nach London, um mir eine Ausstellung anzuschauen. Ich suche die Kunst ..."



imSalon: Ihr seid international. Redet ihr untereinander nur über Trends, oder wie befruchtet ihr euch gegenseitig? Das ist ja doch mehr, als auf der Fashion Week zusammen zu arbeiten.
Die Trends orientieren sich ja nicht nur an der Mode sondern auch an der Architektur, der Kunst. Wir kommen alle aus unterschiedlichen Städten, sehen verschiedene Sachen und reden darüber. Seitdem habe ich ein offenes Herz für Kunstausstellungen. Ich steige morgens in den Flieger nach London, um mir eine Ausstellung anzuschauen und fliege abends zurück. Ich suche die Kunst, um mir die Welt aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.

"Dienstleistung heißt nicht, sich aufzugeben."



imSalon: Im Internet rückt die Welt zusammen. Wie schaut es bei dir online aus?
Oh, das ist eher mein Stiefkind: unsere Website. Auch Facebook. Da musst du jeden Tag dran bleiben. Dazu fehlt mir schlicht die Zeit. Und ich denke auch, dass ich inhaltlich derjenige wäre, der das zu bewerten hätte - vielleicht kann ich aber auch einfach nicht loslassen? (lacht)
Aber ich vermisse Facebook nicht. Auch keine online Terminbuchungen. Man mag rückständig nennen, aber ich denke, wir müssen nicht jeden Tag 24 Stunden erreichbar sein. Man, das ging doch früher auch! Dienstleistung heißt ja nicht, sich aufzugeben.
Außerdem finde ich das sehr charmant: ein bisschen gegen den Strom schwimmen und nicht bei allem mitmachen!

imSalon: Ein schönes Schlusswort! Ich danke dir für deine Zeit!

www.conturen.de

Das Interview führte Katja Ottiger

Oktober 2015

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