Harald Esser - alles politisch oder was?
Interview

Harald Esser - alles politisch oder was?

Fakten zu Harald Esser

Wohnort: Köln
Karriere
- Frühe Selbstständigkeit
- Teilnahme an vielen Wettbewerben, schon während der Ausbildung
- Anfang der 1970er Jahre einige Zeit bei Vidal Sassoon in London
1 Salon: esser & esser Friseure, Köln


Das Gespräch führten Raphaela Kirschnick und Birgit Senger

imSalon: Warum haben Sie sich damals für den Berufszweig Friseur entschieden?
Harald Esser: Der Friseurberuf war für mich schon seit der frühesten Kindheit immer präsent, denn im Kölner Raum wurden mehrere Friseursalons von der Verwandtschaft geführt. Durch die familiäre Nähe habe ich mich schon früh dazu entschlossen, diesen Berufsweg auch selbst zu wählen.

imSalon: Irgendwann kam dann die Verbandsarbeit! Wie kam es dazu?
Indem man sich einmischt (lacht). Ich war ab 1984 als Meisterbeisitzer im Gesellenprüfungsausschuss der Innung Köln und da stellte ich einige Fragen, mein Zugang war die Berufsbildung. 6 Monate später wurde ich dann eingeladen mehr zu machen.

„Viele Kunden schätzen ihren persönlichen Friseur, aber das ändert nichts am Image des Berufs“



imSalon: Welche Visionen verfolgen Sie dabei für die Branche, was würden Sie gerne noch erreichen?
Ich bin ja auch heute noch Unternehmer, ich könnte das zwar nicht alles schaffen, wenn ich meine Frau nicht mit im Geschäft hätte, aber den Basiskontakt, den möchte ich nicht verlieren. Ich erlebe doch auch, dass es schwieriger ist, gute Auszubildende zu finden.
Natürlich möchte ich weiterhin das Image des Friseurhandwerks stärken. Dabei müssen wir uns immer auf unsere Markenkerne konzentrieren. Wir kämpfen für die duale Ausbildung und ein modernes Berufsbild, eine faire Tarif- und Sozialpolitik, ein topaktuelles Modemarketing sowie dafür, die politischen Rahmenbedingungen zu schaffen, um die Zukunft unserer Betriebe zu wahren.
Viele Kunden schätzen ihren persönlichen Friseur, aber das ändert nichts am Gesamtimage des Berufs. Das ist doch traurig. Ich möchte wieder Wertschätzung für unsere Leistung haben.

Im Interview: Kirschnick, Senger, Esser, Graniger


imSalon: Mit welchen konkreten Herausforderungen werden Sie 2017 zu kämpfen haben?
An erster Stelle steht für uns die Tarif- und Sozialpolitik, auch die Verteidigung des dualen Systems ist uns wichtig. Die Weiterentwicklung der dualen Ausbildung und des Berufsbildes ist ein bedeutendes Ziel. Wichtig ist, unseren Betrieben nachhaltig zu helfen, Nachwuchs und qualifizierte Mitarbeiter zu finden. Und mir ist es ein Anliegen, das Verbandswesen weiter zu modernisieren.

"Der Mitarbeiter sollte sagen: Ich will mehr Geld..."



imSalon: Lohndumping erhielt heute eine klare Kampfansage!
Es wäre doch schon toll, wenn die Mitarbeiter sich weigern würden, für einen Dumpinglohn Haare zu schneiden, das ist natürlich schwierig. Da bin ich natürlich auch überfordert. Ein Mitarbeiter sollte in den Salon gehen und sagen „Ich will mehr Geld“. Natürlich muss er auch den Umsatz dafür bringen. Aber das am Rande. Der Zentralverband arbeitet weiter an der Fortsetzung unserer progressiven Lohnpolitik.

imSalon: Haben Sie da nicht ordentlich Gegenwind der Filialisten?
(schlägt die Hände zusammen) Natürlich ist das politisch, wir ignorieren die Filialisten auch nicht. Vergessen Sie nicht, dass uns bei den anfänglichen Mindestlohn-Debatten alle Filialisten unterstützt haben. Und eine große Kette hat das zu ihrem Vorteil genutzt und in ihre Werbung eingebaut. Ich kann nicht in die Wirtschaftsbücher aller Friseure schauen, aber ich weiß, wenn ich Preise erhöhe, da muss ich eine Leistung anbieten.

imSalon: Ist die Haardienstleistung keine Leistung?
Wenn ich mehr Wertschätzung haben möchte, dann sollte ich auch einen Mehrwert und vor allem Qualität anbieten.

imSalon: Warum gibt es noch immer keinen einheitlichen bundesweiten Manteltarifvertrag?
Gute Frage, am Zentralverband liegt es nicht. Nein, im Ernst, wir müssen alle bei den Arbeitgebern „mitnehmen“, doch hier sind die Meinungen genauso uneinheitlich wie die Friseurbranche selbst.
Das Tarifrecht liegt ja zuerst mal im Landesverband und nicht auf Bundesebene. Allerdings sitzen wir mit einer Tarifkommission länderübergreifend zusammen, die haben wir jüngst gebildet. Wir verhandeln in naher Zukunft mit der ver.di über die Fortführung des Mindestentgelts. Unser Feld haben wir bereits gut abgesteckt. Und unser Ziel ist langfristig auch ein bundesweit einheitlicher Tarif.

imSalon: Also ist der einheitliche Tarifvertrag in Arbeit?
Das kann man ja nicht mit Ja und Nein beantworten. Jetzt geht es erst mal ums Mindestentgelt. Die Lohngitter, die sich darüber bilden, das liegt noch immer in der Macht der Länder.

imSalon: Also gibt es keine klare zeitliche Aussage?
Ach (lacht)! Es sollte schon bis zum Frühjahr weitergehen.

imSalon: Also alles politisch?
Ja, wenn Sie so wollen!

"Wir sind die Einzigen, die politisch gehört werden..."



imSalon: Es gibt in Deutschland rund 80.000 Salons, Mitglieder beim Zentralverband gibt es ca. 25.000. Darf der Verband damit eigentlich Friseure vertreten?
Wir vertreten das gesamte Friseurhandwerk, vor allem aber auch die Betriebe, die ausbilden. Wir erfüllen unseren staatlichen Auftrag in der Tarif- und Sozialpolitik, sind ja die Einzigen, die politisch gehört werden. Dafür müssen sich mehr Unternehmer engagieren. Deshalb ist es wichtig, unser Profil weiter zu schärfen.

"Ich mag bei Sozialen-Netzwerk-Tumulten nicht mitmachen..."



imSalon: Es treten immer wieder verärgerte Mitglieder aus, die öffentlich ihrem Unmut Ausdruck verleihen. Schmerzt das? Welche Konsequenzen ziehen Sie?
Ja, sicher tut das weh. Das gibt ja auch immer gleich einen Rundumschlag durch die Sozialen Netzwerke. Ich mag bei diesen ganzen Tumulten auch nicht mitmachen, aber wir reagieren. Vor allen Dingen, weil es nicht so ist. Natürlich können wir uns immer weiter verbessern. Kritische Stimmen, die sich engagieren, nehmen wir sehr ernst. Im Fall von Peter Gress wollen wir ins persönliche Gespräch gehen. Denn wir sind davon überzeugt, dass unsere Positionen keineswegs so weit auseinander liegen, wie sie scheinen.

imSalon: Wie trifft der ZV Entscheidungen? Durch welche Gremien müssen Verhandlungsgegenstände? Wie stelle ich mir das als Verbandslaie vor?
Im Handwerk und somit auch im Friseurhandwerk entscheiden Friseure mit und für Friseure. Unsere Organisation ist absolut basisdemokratisch. Im Zentralverband sind die wichtigsten Gremien der Vorstand und insbesondere die Mitgliederversammlung.

imSalon: Würden Sie manchmal gerne innovativer entscheiden? Gibt es großen politischen Druck?
Natürlich würde ich Dinge manchmal gerne beschleunigen und wie Sie sagen, innovativer sein, aber es gilt alle zu überzeugen und gerade im Friseurhandwerk emotional „mitzunehmen“.

Jörg Müller, Raphaela Kirschnick, Harald Esser


imSalon: Ich fand den Messestand in Nürnberg ja unerwartet zeitgeistig, wirklich toll. Kann man das auch in der Arbeit widerfinden. Weht ein neuer Geist?
Darum bemühe ich mich gemeinsam mit dem Vorstand und dem Team unseres Hauptgeschäftsführers Jörg Müller. Ein weiteres gutes Beispiel sind unser neuer Internetauftritt und unsere gesamten Service-Angebote.

imSalon: Viele kritisieren das Altbackene. Kann ein junger Interessierter überhaupt an Verbandsposten kommen?
Das geht effektiver als so manch einer glaubt. Natürlich braucht man einen langen Atem. Mit „man müsste…“ oder Maximalforderungen kommt man nur selten zum Ziel.

imSalon: Stichwort Duales System. Diese Entscheidung gegen L’Oréal habe ich nicht verstanden, im Gegenteil, ich fand die Argumentation reichlich hilflos. Warum fällt es so schwer Alternativen Raum zu geben?
Sagen Sie mir doch mal warum Sie anderer Meinung sind?

imSalon: Weil ich glaube, dass unser größtes Problem das Image ist, da hätte L’Oréal positiv angesetzt. Wir brauchen eine imagestarke Industrie, die das Handwerk beflügelt. Das kann doch nur positiv sein. Oder Projekte wie die Modeschule Hallein (Stylisten-Internat mit Abitur) in Österreich mit enormen Zulauf. Alternativen, die Bewegung bringen.
Wissen Sie, ich kenne so viele nach dem Dualen System Ausgebildete, die alles andere als einsetzbar sind. Das Duale System ist doch kein Garant für eine gute Ausbildung.

Das hat auch keiner gesagt. Natürlich müssen wir an einer Verbesserung arbeiten. Vergessen Sie aber bitte nicht, die mit unserem System verbundenen Gesetze und die Sicherung der Marktstrukturen. Daran hat auch die Industrie Interesse.

imSalon: Aber man verbaut sich da doch eine Chance?
Ein Auszubildender hat nach 9 Monaten nicht die Grundlage, wie ein anderer nach 18 Monaten, wir können das nicht aufweichen.

imSalon: Zu Beginn unseres Gespräches haben Sie davon geschwärmt, wie die 3-monatige Sonderausbildung bei der Friseurschule Hader Sie weitergebracht hat. Also haben ja auch Sie Ausbildung auf dem Privatsektor genossen.
Ich verstehe das als zusätzliche Option zur Ausbildung. Hader, Meininghaus, etc machen das hervorragend. Aber nach 11 Monaten spreche ich es jedem ab, ein fertiger Friseur zu sein.

imSalon: Kommt das nicht auf den Schüler an?
Frau Kirschnick, ich glaube wir werden hier keine Einigung finden. Ich kann Ihnen aber garantieren, dass wir sehr eng und erfolgreich mit der Industrie zusammenarbeiten, auch mit L’Oréal. Die duale Ausbildung gehört zum Markenkern des Handwerks und unterliegt in Deutschland strengen Gesetzen. Es geht uns aber auch um die Sicherung der Struktur im Markt. Wir wollen erfolgreiche Unternehmen und nicht weitere Ein-Mann-Betriebe und Billiganbieter im Markt. Wir werden aber noch in diesem Jahr der Industrie ein neues Angebot zur Weiterentwicklung des Friseurhandwerks machen, davon können Sie ausgehen.

imSalon: Ist die Sozialkasse wirklich geplant?
Wir denken darüber nach, mehr kann ich dazu nicht sagen. Wir haben es noch nicht durchgerechnet und somit auch noch keinen Beschluss gefasst.

imSalon: Glauben Sie wirklich, dass man nur wegen des Geldes nicht ausbildet? Es gibt doch gar nicht genügend Auszubildende!
Wir haben nicht nur weniger Auszubildende, wir haben auch weniger Bereitschaft auszubilden, da könnte die Sozialkasse motivierend wirken.
Alle jedoch, die nachher Nutznießer der Ausgebildeten sind, die haben dann auch ihren Teil reingesteckt. Das ist der Grundgedanke. Das geht aber nur, wenn alle zahlen und zwar alle, auch die die unter €17.500 liegen.

imSalon: Kassenpflicht, das Thema kocht gerade heiß. Was unternimmt der ZV in der Causa?
Der Zentralverband hat sich gemeinsam mit dem Zentralverband des Deutschen Handwerks intensiv politisch engagiert. Uns geht es nicht um den Schutz der „schwarzen Schafe“, sondern vor allen Dingen darum, zusätzliche und extreme Belastungen für unsere Betriebe zu vermeiden.

imSalon: Viele Friseure ärgern sich z.B. bzgl. der Nichtaufzeichnungspflicht für Friseure <17.500 €. Warum macht sich der ZV gerade für diese Gruppe so stark?
Genau das Gegenteil ist der Fall. Wer erzählt denn sowas? Man sollte einfach nicht alles glauben, was auf Facebook & Co. zu lesen ist.

imSalon: Was ärgert Sie in der Branche?
Dass sie ihre Stärken nicht positiv nutzt.

imSalon: Herr Esser, vielen Dank für Ihre Zeit und ein sehr diskussionsoffenes Gespräch!

-> Weitere Beiträge zum Zentralverband der Friseure

www.friseurhandwerk.de

Fotocredit


Grosses Bild: ZV Friseurhandwerk
Kleine Bilder: briti bay fotodesign [url=www.britibay.de]www.britibay.de

Februar 2017

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