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Patrick Befurt war HDA Juror
Interview

Patrick Befurt war HDA Juror

Weniger Selbstbeweihräucherung, weniger Klischees, mehr Mediendschungel. Der Ulmer Unternehmer und eine ehrliche Betrachtung.

Fakten

geboren und aufgewachsen in Ulm
Wichtige Ausbildungsstation: „ganz bewusst bei meinem Vater“
Größter Friseurunternehmer in Ulm | gemeinsam mit Bruder Marc Befurt
7 Geschäfte befurt group | 4 Konzepte
„Friseure Befurt“ | „epoche“ Exklusiv | „Plan B“ | „Befurt mobil“
80 Mitarbeiter | 19 Auszubildende
German Hairdressing Awards Sieger Kategorie „Color Technician“ 2015 | Mehrfachnominierungen in den letzten 9 Jahren
Juror HDA Austria



imSalon: Schwarzkopf hat dich zum zweiten Mal in die Jury der Austrian Hairdressing Awards bestellt. Was zeichnet dich dafür aus?
Ich erarbeite seit vielen Jahren Frisuren-Kollektionen, habe an Dutzenden von Shootings mitgewirkt, bin amtierender GHDA Sieger „Color Technician“ 2015. Ich habe mir viel Erfahrung und eine hohe fachliche Kompetenz erarbeitet. Über die wiederholte Einladung habe ich mich sehr gefreut.

Wie fandest du die Einsendungen?
Hm. (nachdenklich) Es waren einige tolle Arbeiten dabei, keine Frage, aber ich sehe große Qualitätsunterschiede! Ein bisschen enttäuscht hat mich die Anzahl der Einsendungen.

"Der reine Spaßfaktor als Antriebsfeder ist erschöpft."



Wie könnte man die geringe Teilnahme erklären?
Na ja, der Award ist sehr anspruchsvoll geworden und verlangt den Teilnehmern viel Zeit, Energie und auch einen immer größeren monetären Invest ab. Da ist der reine Spaßfaktor als Antriebsfeder schnell erschöpft. Der Nutzen eines Awards aus Sicht der Teilnehmer und vor allem natürlich der Verbraucher und Kunden sollte dabei ein viel größeres Gewicht bekommen. Eine Verlängerung des Award-Intervalls auf zwei Jahre ist dabei sicher nicht hilfreich.

German Hairdressing Awards Sieger Kategorie „Color Technician“


Dich stört das längere Intervall?
Ich bin seit über zwei Jahren Gewinner des Color Technician Awards; lieber wäre mir gewesen, bereits vor einem Jahr neue Arbeiten einzureichen. Wenn man die Teilnehmerzahlen betrachtet ist es offensichtlich, dass der Aufwand den Nutzen nicht zu rechtfertigen scheint.
Der Veranstalter wollen neue Wege gehen. Ob diese Veränderungen dazu führen wieder mehr Friseure zu motivieren, sich auf dieser Plattform gegenseitig zu messen, wird sich zeigen. Ich bin allerdings sehr skeptisch. Ich sehe die Verlängerung der Abstände zwischen den Awards auf zwei Jahre als Nachteil. Ich mag diesen Wettbewerb! Mich mit Kollegen auf gleichem Niveau messen. Und ganz wichtig: All das auf einer anonymen Basis! Letzteres zeichnet die Hairdressing Awards ja aus.

"Jeder Gewinner hat es verdient, durch den Mediendschungel gereicht zu werden."



Dein Wunsch?
Eine kleinere Veranstaltung mit großer Reichweite nach Außen und weniger Selbstbeweihräucherung. Sind wir ehrlich, den Award kennt nur die Branche. Wenn ich meine Kunden frage, kennst du den Hairdressing Award, den „Oskar der Friseure“, dann sagen sie: Ja, von dir! Aber sonst? Nein. Jeder weiß, was die Oskars sind, der Bambi, der Echo ... Es gibt mindestens genauso viele Kinobesucher wie es Friseurkunden gibt. Der Award ist eine tolle Sache und jeder Gewinner hat es verdient, durch den Mediendschungel gereicht zu werden.
Ich weiß ja nicht wie es dir geht, aber wenn ich irgendwo bin, wo drei Frauen beieinander stehen, dann dauert es keine fünf Minuten und ich werde zu Haaren befragt. Haare sind doch immer Thema! Mich hat noch keine gefragt, was mein Lieblingsfilm ist ...

Was ist denn dein Lieblingsfilm?
(Lacht) Alles von Quentin Tarantino. Spektakulär, blutig, witzig.

"Wir können keine Fotos machen, die aussehen wie bessere Selfies!"



Immer wieder wird diskutiert, ob die Hairdressing Awards ein Fotografenwettbewerb sind. Wie siehst du das?
Wenn du dir eine „Vogue“ oder eine „Elle“ hernimmst, dann sind die ersten zwanzig Seiten vor dem eigentlichen Inhaltsverzeichnis voll mit tollen Bildern. DIE sind der Maßstab! Wir können keine Fotos machen, die aussehen wie bessere Selfies! Und durch die Tatsache, dass „Vorher-Bilder“ eingereicht werden müssen, ist ja auch gewährleistet, dass man mit der Nachbearbeitung maßhalten muss.

Siehst du den GHDA als lieferantenunabhängig?
Auf jeden Fall! Das Entscheidende ist, dass jeder Friseur, egal mit welcher Firma er arbeitet, mitmachen kann. Lediglich in der Color-Kategorie muss ich Schwarzkopf-Produkte verwenden, um die Rezepturen angeben zu können und die Farben kann ich mir heutzutage überall besorgen.



Ihr nutzt eure jährlichen Fotokollektionen für die Einreichungen bei den GHDA´s, auch eure Mitarbeiter sind immer wieder nominiert. Ist das eine Art der Motivation?
Wir wollen unsere Mitarbeiter binden, indem wir ihnen die Möglichkeit geben, sich individuell weiterzuentwickeln und Talente auszuleben. Ob der GHDA interessant für einen ist, entscheidet jeder für sich. Ich habe auch Mitarbeiter, die sagen, das ist nicht mein Ding. Man muss das wollen: sich Zeit nehmen, Modelle suchen, Frisuren ausprobieren, sich Gedanken über Styling und Make-up machen und auch mal was riskieren. Ich freue mich immer, wenn sich Mitarbeiter genauso für den Award begeistern, wie ich es tue.
Bei der Auswahl meiner Mitarbeiter geht es aber in erster Linie darum, dass sie ins Team passen. Natürlich muss das Fachliche stimmen, aber die persönliche Ebene macht den Friseur letztlich erfolgreich. Ich hatte noch keinen Kunden, der zu mir gesagt hat: „Du, die 45-Grad-Winkel-Graduation machst du immer so perfekt.“ (lacht).

Ist Farbe deine Leidenschaft?
Mein Steckenpferd ist eher die Schere als der Pinsel. Ich kam zum Award wie die Jungfrau zum Kinde. Eigentlich wollte ich in der „Avantgarde“ mitmachen, habe zu Hause mit PU-Schaum herumexperimentiert und wollte da mit einem Fleischermesser etwas herausschneiden. Bei der Aktion habe ich mir in den Daumen geschnitten. Als ich aus der Notaufnahme zurückkam, habe ich alles in den Müll geworfen. Nur, der Fotograf war gebucht und ich wollte unbedingt zwei Kategorien machen. Also wurde es neben „Damen“ kurzerhand noch „Color Technician“.

Innung oder Zentralverband – könntest du dir vorstellen, dich hier zu engagieren?
Im Moment eher nicht. Die Kollegen, die dort organisiert sind, sind ganz anders strukturiert. Da liegen die Interessen zu weit auseinander. Die meisten haben Kleinstbetriebe mit vier, fünf Mitarbeitern. Chef, Chefin, Azubi und noch eine Friseurin. Das ist etwas komplett Anderes. In meinem Salon habe ich allein 20 Mitarbeiter und acht Azubis. Wir haben ein ganz anderes Interesse daran, was in der Schule passiert und ganz andere Vorstellungen, an denen wir uns reiben.



Mit eurer Akademie habt ihr natürlich auch ein weiteres Standbein.
Das stimmt. Unser Ausbildungssystem steht auf drei Säulen: Berufsschule, Salon und Akademie.
Hier versuchen wir die Dinge, die wir verbessern wollen, zu verbessern.

"Die Akademie ist unser großer Mehrwert, weil wir Karriere anbieten."



Entgegen dem allgemeinen Trend habt ihr gute Bewerbungszahlen, auch ein Resultat der hauseigenen Akademie?
Klar! Die Leute informieren sich im Internet, da bist du transparent. Es geht dem künftigen Azubi darum was der erreichen möchte. Da haben wir Friseure nicht die besten Karten. Und hier ist die Akademie unser großer Mehrwert, weil wir Karriere anbieten können.



Euer Vater eröffnete 1965 den ersten Salon und ein paar Jahre später gar einen mit Café und selbstgemachten Kuchen von Oma Befurt. Ein Vorreiter.
Ja. Das war es auch, weshalb ich mich für eine Ausbildung bei ihm entschieden hatte. Mein Vater faszinierte mich. Was er geschaffen hat und die Art und Weise, wie er gearbeitet hat, nach der Sassoon-Schule! Die war ja damals in den 80ern noch nicht verbreitet. Mit einem befreundeten Kollegen hatte er sich sogar zusammengetan und den Uli Graf für Schulungen hergeholt. Ich weiß noch, dass mich das schon als Dreikäsehoch beeindruckt hatte.

Erinnerst du dich an deinen wirklich ersten Haarschnitt?
Der war mit 13 Jahren und ungewollt. Ich hatte einen Schulkameraden, der darauf bestand, dass ich ihm die Haare schneide. Mein Vater hatte sich auf seine Seite geschlagen und so habe ich den ersten Schnitt unter seinen Augen gemacht, danach kamen weitere Schulkameraden und Fußballfreunde hinzu. Ich hatte zwei Jahre vor Ausbildungsbeginn meine ersten Kunden.

Wünsche an die Branchen-Kollegen?
Hört nicht auf, euch weiterzubilden und erfüllt bitte nicht jedes Klischee!



Was heißt Klischee?
Wenn jemand an Friseur denkt, denkt er an Inge und Co. Leider ist das Ansehen des Friseurs überall besser als bei uns, selbst bei unseren Nachbarn in der Schweiz. Man fragt sich, warum? Weil die Leute denken, du verdienst wenig und knapperst an der Armutsgrenze. Deshalb: Preise hoch, Löhne hoch und der Staat sollte sich endlich um die Schlupflöcher bei der Schwarzarbeit kümmern.

"Jeder ... muss bei uns durch die Kunst."



Was wärest du geworden, wenn nicht Friseur?
Ich habe eine große Affinität zur Architektur und Kunst, ich wäre sicher nicht in einem Büro gelandet.
Als wir 2013 die „epoche“ eröffnet haben, habe ich die Chance genutzt, einen 80 qm großen Raum im Untergeschoss als Galerie einzurichten, die "epoche|GALERIE". Jetzt präsentieren hier abwechselnd Künstler ihre Werke. Man kann sagen, jeder, der bei uns zur Toilette muss, muss durch die Kunst.

Patrick, welch ein Schlusswort!


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März 2017

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