Daniel Schwefel zahlt Mindestlohn für Praktikanten
INTERVIEW

Daniel Schwefel zahlt Mindestlohn für Praktikanten

... bietet Schnupperlehre im "Niemandsland" und kennt den Weg zur adäquaten Preisanpassung ... Und außerdem gab´s gerade wieder mal den Ausbildungspreis der Handwerkskammer Frankfurt/Oder.

Das Gespräch führte Katja Ottiger

Fakten:

2 Salons in Wriezen und Neutrebbin (Brandenburg)
13 Mitarbeiter | 2 Lehrlinge | 3 Schnupperlehrlinge
Lehre in der ehemaligen PGH (Produktionsgenossenschaft des Handwerks in der DDR), später 1 ½ Jahre im elterlichen Betrieb
Friseur in 7. Generation | Friseurmeister | Intercoiffure
Mitglied Innung Frankfurt/Oder: Modeteamleiter, Vorstand, Gesellenausschuss, Lehrlingswart
seit 2014 Wella Fachtrainer, Freelancer, Brandenburg und Ostdeutschland
2016 Zukunftspreis Land Brandenburg–Wirtschaftspreis aller Branchen
Ausbildungspreis der HWK FF/O 2015 und 2017

www.schwefel-friseure.de


Daniel, Wir gratulieren! zum Ausbildungspreis. SCHWEFEL FRISEURE sind Premiumfriseure in einer knapp 5.000 Einwohner Gemeinde im Märkischen Oderland, grenznah zu Polen. Wie ist die Region wirtschaftlich aufgestellt?
Daniel Schwefel:
Die Region gilt generell als schwierig, Unternehmen gehen gern davon aus, dass hier keine Kaufkraft existiert. Ich kann das nicht behaupten. Als ich 2008 den Salon von meinem Vater übernommen habe, hatten wir hier eine Arbeitslosenquote von 23 Prozent. Jetzt sind wir runter auf 6 Prozent. In Deutschland boomt die Baubranche, durch die Einführung des Mindestlohnes haben die Leute mehr Geld in der Tasche, geben mehr aus.

„Ich habe bewusst investiert, in Weiterbildung, PC´s, Ware.“



Seit deiner Übernahme hat sich die Anzahl der Mitarbeiter mehr als verdoppelt. Du setzt auf ein Selfmade-Konzept.
DS:
Bevor mir mein Vater das Ruder ganz überlassen hat, hat er mir den großen Salon in Wriezen abgegeben und mich ein Jahr lang mal machen lassen. Ich habe ein Führungsteam aufgebaut und bei den damals 6 Mitarbeitern bewusst in Weiterbildung investiert, auch in meine eigene, z.B. in Seminare bei Peter Lehmann. Und ich habe in PC´s und Ware investiert. Das hat sich herumgesprochen, die Nachfrage bei neuen Mitarbeitern stieg. Natürlich teilen nicht alle unseren Anspruch, deshalb musste ich mich mehr auf Lehrlinge konzentrieren. Die sind mein Fundament. Ich habe mehr davon, wenn Mitarbeiter von unten nach oben die Karriereleiter nehmen.

„Lehrlinge sind mein Fundament.“



Du hast die Schnupperlehre ins Leben gerufen. Was ist der Gedanke dahinter?
DS:
Wir haben festgestellt, dass sich manche jungen Leute während der Probezeit verstellen, nach 2-3 Monaten kommt dann der Wandel. Deshalb wollte ich in ein längeres Praktikum investieren.

Mit der Schnupperlehre sprecht ihr gezielt Schüler an, im Schnitt sind die 14 Jahre alt. Wie schaut das rechtlich aus?
DS:
Wir schließen mit Schülern einen Praktikumsvertrag, den die Eltern unterschreiben. Der ist jederzeit kündbar. Nach Mindestlohngesetz steht ihnen eigentlich kein Geld zu, wir aber zahlen den aktuellen Mindestlohn von € 8.85. Genau genommen sogar um einen Cent mehr, das rechnet sich leichter, als € 8,84 (lacht). Wir reden da im Monat von 160, 170 Euro. Das investiere ich gern, ich halte damit die Fahne für die Branche hoch. Das ist gut für unseren Ruf. Denn die Leute fragen sich, was die Mitarbeiter verdienen, wenn die Praktikanten schon gut bezahlt sind.


Das Team SCHWEFEL FRISEURE | Fotocredit: © Schwefel-Friseure

Was verdienen Deine Mitarbeiter?
DS:
€ 10,- die Stunde plus Leistungslohn. Ich habe das Lohngefüge geändert, weil ich die Nase voll davon hatte, es jeden Monat neu zu berechnen. Mal sind es 20 Arbeitstage, mal 21 oder 22. Wir zahlen jedem ein monatliches Grundeinkommen mit 23 Arbeitstagen komplett plus Leistungslohn, der prozentual für alle gleich ist. Bei uns herrscht Transparenz.

Wie findet ihr Schnupperlehrlinge?
DS:
Wir posten das auf Facebook und Instagram und schicken unsere jungen Mitarbeiter auf Veranstaltungen in die Schulen, zu den 8., 9. Klassen. Sie kommen dort mit den Schülern ins Gespräch und können Fragen beantworten. Im Vorfeld sortieren dann das Team und die Salonleiter die möglichen Kandidaten aus und wenn alle einverstanden sind, können sie bei uns als Praktikanten anfangen. Es hilft auch, dass wir einen guten Ruf als Unternehmen haben. Wir wurden jetzt zum zweiten Mal mit dem Ausbildungspreis von der Handwerkskammer FF/Oder ausgezeichnet.

"Wenn wir der Motor sind, sind Lehrlinge das Öl."



Was machen die Praktikanten in der Schnupperlehre?
DS:
Sie kommen jeweils samstags für 5 Stunden und tun das, was Lehrlinge im ersten Lehrjahr auch tun. Sie heißen Kunden willkommen und bringen Getränke. Sie fegen auf, räumen weg, waschen Haare. Wir betonen immer, wie wichtig sie für unser Unternehmen sind, denn wenn wir der Motor sind, sind sie das Öl. Wenn es beim Öl hapert, hapert es überall.
Die Schüler können in diesem einen Jahr kommen und gehen wie sie wollen. Hier testen wir gleich mal deren Zuverlässigkeit, Durchhaltevermögen und Motivation. Wichtig ist uns, dass die Schule unter diesem Praktikum natürlich nicht leiden darf. Und es gibt regelmäßige Feedbackgespräche, ob sie zufrieden sind, Unterstützung brauchen oder sich alles anders vorgestellt haben und die Schnupperlehre vielleicht beenden möchten.

Wie ist die Ausfallsquote?
DS:
Wir haben in der Schnupperzeit 50% Ausfall, nach der Übernahme bleiben uns 100%, die die Lehre beenden. Die Lehrverträge schließen wir direkt nach der Schnupperlehre ab, noch bevor die die großen Ferien beginnen.


Ehemaliger Schnupperlehrling Linda, jetzt 2. LJ, ist seit 3 Monaten Mitglied im IC Team Fondation Guillaume und stylte erstmals auf der Bühne beim IC Festvial in Berlin | Fotos: Sandra Kühnapfel

Wie ist die Stimmung im Salon?
DS:
Wir sind ein junges Team, die Kollegen finden es gut, die jungen Leute heranzuziehen. Im Team haben wir eine Verantwortlichen für die Praktikanten und eine für die Lehrlinge.

Gibt es Praktikanten-Probleme?
DS:
Keine anderen als bei Lehrlingen auch. Im Moment haben wir eine Praktikantin, die es gerade etwas schleifen lässt. Wir werden einen Termin vereinbaren, bei dem wir das ansprechen. Es steht ja jedem frei zu entscheiden, ob er bleibt oder geht. Lieber jetzt, als später!

Was beeindruckt dich an den Schnupperlehrlingen?
DS:
Wie unterschiedlich die schon sind. Eine wollte unbedingt Maskenbildnerin werden, wir haben da einen Kontakt hergestellt. Das hat ihr die Augen geöffnet und gezeigt, wie schwer es ist, da einen Job zu finden. Jetzt tobt sie sich doch als Friseurin aus.
Oder wir haben einen Zuwanderer. Der ist 22 Jahre alt, macht gerade seine Einstiegsqualifizierung im Unternehmen. Er hat den Sprachkurs B1 gemacht, beginnt jetzt mit B2 und geht danach noch zum Logopäden, zwecks der Aussprache. Im September fängt er dann mit der Lehre an.



Daniel Schwefel in einer Diskussionrunde beim Ersten Intercoiffure Festival Berlin | Foto: Sandra Kühnapfel

Du bist Mitglied der Intercoiffure. Seit wann und warum?
DS:
Seit 2014. Ich schätze das Netzwerk der Intercoiffure, den intensiven Austausch, die Kooperationen, die sich ergeben können. Mit RYF Friseure z.B.. Hier bin ich mit Marc Breckwoldt und Dr. Karl-Heinz Winter im Kontakt. Die haben ein super Ausbildungskonzept, bei dem ich gern unsere Lehrlinge einschleusen würde. Für einen Betrag X hätte ich gern, dass die bei RYF in Berlin und gemeinsam mit Wella fit gemacht werden. Das ist noch nicht fix, aber die Idee ist schon mal in Gang gekommen.

Die Schwefel Friseure gibt es seit 1797! In Zahlen sind das 220 Jahre!
DS:
Ja. Ich bin die 7. Generation, der 14. Friseur, der 7. Friseurmeister. Die 8. Generation sitzt grad in der Schule. (lacht) Meine Tochter ist 11 und neigt dazu, mal sehen ...

"Ich habe gerade die 14. Preiserhöhung in 6 Jahren gemacht."



Kaiserreich, Weltkriege und Nationalsozialismus, Diktatur, Wende. Wie wurde das Schiff durch die Zeiten bugsiert?
DS:
Ich kann es ja nur von denen sagen, die ich kannte. Mein Opa hat gesagt, er war wie die Schweiz, hat sich in seinem Leben nie auf eine Seite ziehen und sich kein Parteibuch anheften lassen. Nicht von den Nationalsozialisten, nicht von der SED. Und auf seinem Sessel sind so einige von denen gesessen! Er war immer der Meinung: Wir Friseure mischen uns nicht in Politik ein, wir halten es neutral.
Zu DDR – Zeiten war es als Privater nicht einfach. Viele Kleinbetriebe wurden in die PGH integriert. Aber mein Vater hat sich gewehrt. Ein Familienmitglied musste in der PGH arbeiten - das war er - nur so konnte der Betrieb privat erhalten werden. Von oben wurde der Laden bewusst klein gehalten und immer wieder Prüfungen unterzogen. Meine Eltern haben beinahe für einen Hungerlohn gearbeitet. Das möchte ich anders. Ich hatte gerade die 14. Preiserhöhung in 6 Jahren.

Wow! Wie kommt das in Wriezen und Neutrebbin an?
DS:
Das geht nur, wenn du dir einzelne Zielgruppen rauspickst. Mal Schneiden und Föhnen um ein paar Cent erhöhen, dann ist die Dauerwelle dran, dann mal wieder die Farbe. Die Leute gehen mit.
Die zahlen kein Geld für Mist, die wollen auch im Osten Niveau und Qualität!

Daniel, herzlichen Dank! Deine Idee mit der Schnupperlehre finden wir absolut Top! Weiterhin viel Erfolg damit!


Foto oben: Markus Schmidt

Dezember 2012

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