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Achim Rothenbühler persönlich - Interview
Interview

Achim Rothenbühler persönlich - Interview

Anfangs hat ihn das Friseurbusiness schlichtweg nicht interessiert, heute agiert der gelernte Bauzeichner gegen Mindestlohn. Was hält er entgegen, wann wird er kleinlaut?...

Fakten

seit 2001 J.7 group
37 Salons | ca. 400 Mitarbeiter | davon Lehrlinge: ca. 150
Trainer, Akteur, Referent bei J.7 school

Internationaler TopAkteur L'Oréal Professionnel
-> u.a. Prag, Moskau, Madrid, Wien, Oslo, Lissabon, Jakarta
-> u.a. Hairworld Frankfurt, Moskau Color Trophy, Alternative Hair Show, Trend & Fashion Days Düsseldorf
seit 2009 Mitglied im internationalen H-Cube-Team von L'Oréal Paris
TV-Auftritte, Foto-Shootings im In- und Ausland



ImSalon: Ich denke, anhand deines Äußeren und deines beruflichen Erfolges halten dich einige Leute für sehr cool. Wann bekommst du weiche Knie?
Nur wenn man seiner Sache sicher ist, kann man cool sein. Die Realität ist: Ich habe vor jedem Auftritt einen Heidenrespekt! Ich verbiege mich nicht und sage nicht irgendwelche Sachen, die die Industrie gern hören würde.
Wichtig ist, sich bewusst zu machen, was sind deine Stärken, was sind deine big Points? Du musst du selbst sein. Ich bin ein Vorbereitungstyp. Ich bekomme weiche Knie, wenn ich etwas zeigen muss, auf das ich überhaupt nicht vorbereitet bin. Würde jemand spontan von mir verlangen Hochzustecken, könnte ich sehr weiche Knie bekommen. Das ist etwas, dass ich gar nicht kann, da werd ich ganz kleinlaut.

"Ich habe vor jedem Auftritt einen Heidenrespekt!"



imSalon: Du bist also nicht sehr spontan?
Oh ja, ich kann sogar super spontan sein. Aber dann bekommen die anderen eher Angst vor mir. (lacht)

imSalon: Stellst du deine eigenen Anforderungen auch an deine Bühnen-Mitstreiter?

Unsere Vorbereitungen sind sehr akribisch. Das ist die Regel. Wir sind so gepolt. Wir sind lieber früher da, um dann entspannt eher noch eine Pause zu haben.
Was ich hasse ist Stress! Ich will professionelle Vorbereitung. Immer. Das ist auch meine Pflicht, diesen Respekt habe ich vor meinem Publikum und vor meinen Kunden im Salon.



imSalon: Friseur war nicht dein Traumjob. Du hast eine Ausbildung zum Bauzeichner gemacht. Was hat dich umschwenken lassen?
Mein damaliger Schwager war Friseur - was mich überhaupt nicht interessiert hat - und er hat sich mit einem modernen Laden selbstständig. Ich war dann oft dort, fand die Mitarbeiter cool und irgendwie war das viel spannender als mein Bürojob. Also hab ich mich entschlossen, mal zu schauen, ob das Frisieren was für mich ist. Ich hab dann bei ihm die Lehre begonnen mit dem Deal, ein halbes Jahr zu sehen, ob ich eigentlich irgendein Talent dafür habe. Wenn nicht, wär ich zurück in meinen Beruf gegangen. Aber ich hab mich wohl gefühlt und 2 Jahre gelernt. Dann bin ich nach München, dort hab relativ schnell Schnittausbildungen gemacht, hauptsächlich englische Schnitte, Sassoon, und dann kamen 14 Jahre bei keller the school . Danach habe ich mit meinen 5 Partnern (Michael Knöpfle, Ramona Lesny, Thomas Wormser, Alexander Mäckl, Jens Swafing, Anm.) J.7 gegründet.

imSalon: Den Namen fand ich immer schon besonders, warum J.7?
Weil wir an einem 7. Januar beschlossen haben, unsere Firma zu gründen. Und als klar war, dass es ein Markenlabel sein wird, sollte es für uns alle passen und dieses Datum ist der Ursprung.

imSalon: Ihr seid jetzt im 13. Jahr – rückblickend ein Glücksjahr?
Ich bin über 30 Jahre Friseur, seit 25 Jahren selbstständig. Aber noch nie habe ich innerhalb eines Jahres so viele Veränderungen in der Branche erlebt.
Erstens: Massive Probleme mit dem wenigen Nachwuchs. Zweitens: massive Imageprobleme, weil der Mittelstand sich schwer tut, und keiner mehr ne Lehre machen will. Drittens: starke Kostenexplosion, hauptsächlich in Richtung Mitarbeiter. Und Viertens: die Veränderungen mit dem Sonntagsschulungsverbot. Bis vor drei Jahren noch hatten wir Wartelisten für neue Mitarbeiter. Die Branche steht an einem Wendepunkt. Wir müssen dringend neue Konzepte entwickeln.

„Arbeit über alles braucht kein Mensch. Arbeit mit Spaß tut niemandem weh.“



imSalon: Wie haltet ihr der Entwicklung entgegen?
Wir sind immer bereit, uns komplett in Frage zu stellen und sehen, ob es noch läuft oder ob wir uns umorientieren müssen, auch wenn die Dinge in den letzten Jahren funktioniert haben. Wir versuchen, uns für die nächsten Jahre zu programmieren, setzen vor allem bei den Mitarbeitern auf Qualität.
Für Mitbewerber, vor allem für die kleinen, wird es finanziell schwieriger, Seminare für die Mitarbeiter zu ermöglichen. Die erste Kostenersparnis ist immer die bei den Schulungen. Wir setzen aber auf mehr Ausbildung unserer Mitarbeiter: bei der Serviceleistung am Kunden, wir bieten Kommunikations- und Persönlichkeitstrainings. Infolge gehen auch unsere Preise nach oben. Wir bieten Qualität als Gegenbewegung zu den immer günstigeren Anbietern.

imSalon: Du bist wirklich viel unterwegs. Wie organisierst du das mit deinem Privatleben?
In meinem Job ist es die große Kunst, alles unter einen Hut zu bringen. Ich bin kein Workaholic! Für mich ist es super wichtig, den Spagat schaffen. Es ist eben kein Bürojob. Die intensivsten Zeiten sind immer Frühjahr, Herbst und Weihnachten. Da nehm ich mir bewusste Auszeiten. Wenn ich unterwegs bin, hab ich immer Sportsachen dabei, auch im Alltag brauch ich das. Und wenn ich frei habe, mach ich bewusst nix. Nicht denken, nicht fern gesteuert sein, keine geplante Freizeit haben.



imSalon: Ihr entwerft jährlich 2-3 Kollektionen, regelmäßig ist auch eine für Kids dabei. Damit seid ihr eine der wenigen, die Kinder-Kollektionen auf den Markt bringen.
Wir machen 2x im Jahr Trendkollektionen, unsere Trendbooks liegen in den Salons auf.
Zusätzlich produzieren wir im Jänner die Kinderkollektion und im Sommer die „Best Ager“. Das sind vor allem unsere Kunden, die wir dafür nehmen. Die fragen auch gerne wieder nach, wann es wieder soweit ist und ob sie dabei sein können.
Unser Stil hat sich in den letzten Jahren verändert, auch deshalb, weil ich als internationaler Akteur das Glück habe, in vielen Ländern unterwegs zu sein und dabei internationalen Kollegen über die Schulter schauen zu können. Norweger, Asiaten, Spanier – die haben alle eine andere Denke, andere Vorgehensweisen. Seitdem, finde ich, sind auch unsere Kollektionen international gewachsen.

"Ich finde es inspirierend bei anderen abzugucken."



imSalon: Was findest du inspirierend?
Ich finde es inspirierend bei anderen abzugucken, zu sehen, wie sie sich mit Dingen auseinandersetzen und diese verändern. Ich denke nicht, dass man mit dem Thema Haar noch recht viel Neues machen kann, irgendwie ist alles schon mal da gewesen. Da brauchen wir uns nichts vormachen.

imSalon: Was ist mit Farbe? Da seid ihr ja nicht gerade „leise“.
Nach einer Zeit mit ruhigen, natürlichen Farben gibt es jetzt die Tendenz zu kräftigen, progressiven Farben. Im Salon trifft das natürlich auf eine Minderheit zu. Wir haben zwischen 5 -10 Prozent mutigere Kunden. Wir differenzieren immer zwischen dem, was wir auf der Bühne vor Friseuren zeigen, um neue Inputs zu geben und dem, was unsere Kunden im Salon möchten.

imSalon: Warum haben wir immer noch so wenige Frauen auf den Bühnen?
Das ist ein Punkt, der mir persönlich sehr wichtig ist. Ich denke, es liegt oft an der Familienplanung der Mädels. Dass sie sich gerne ins Privatleben zurück ziehen, wenn sie Kinder bekommen und dann auf Teilzeitmodelle umsteigen. In solchen Phasen ist dieser Job mit dem vielen reisen einfach schwierig. Ich finde es schade, in einer Branche, die ja so von Frauen dominiert ist. Es ist wichtig, weibliche Leitfiguren auf den Bühnen zu haben, die zeigen, wo man als Frau in diesem Job hin kann. Ich sehe das als Sogwirkung.

imSalon: Wie oft stehst du noch im Salon?
2 Tage die Woche, mit Unterbrechungen, wenn ich länger unterwegs bin.

imSalon: Leidet ihr unter Nachwuchsproblemen?
Im letzten Jahr kam ein großer Einbruch. Vor allem durch die Mindestlohndiskussion, die ja zu großen Teilen auf dem Rücken der Friseure ausgetragen wurde. Das war ungewollter Rufmord eines ganzen Berufsstandes. Die ersten, die mit der Debatte angefangen haben, haben als Beispiel von den Friseuren gesprochen und es ist dann immer dabei geblieben. Bei den Politikern uns auch bei den Eltern. Was die im TV sehen, ist: aha, ein Friseur verdient nix. Dem halte ich entgegen! Das stimmt so nicht! Das Bild, das da gezeichnet wurde, müssen wir gemeinsam gerade rücken. Und zwar alle: Die Friseure, Unternehmer, die Industrie und die Presse.

"Die Mindestlohndiskussion war ungewollter Rufmord eines ganzen Berufsstandes. "



imSalon: Was erwartest du dir von der Branche?
Was wir jetzt brauchen, ist Zusammenhalt. Friseure sind und waren immer ein bisschen Einzelkämpfer, den Kollegen gegenüber neidisch.
Aber wir steuern auf eine Phase zu, in der wir alle gefordert sind, wo wir uns zusammen setzen und Gespräche führen sollten, um unser derzeitiges Image aufzupolieren und dahin zu kommen, die Wahrheit aufzuzeigen. Es gibt überall schwarze Schafe, das ist ganz klar, aber es gibt eine Menge guter Unternehmen, größere und kleinere, die tolle Ausbildungen und gute Verdienstmöglichkeiten bieten. Leider wurde in den letzten Jahren viel kaputt gemacht, aber wir haben eine super Branche mit sehr, sehr viel Potential.

www.J-7.de


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Das Interview führte Katja Ottiger

Dezember 2014

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