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Das große Friseur-Bashing der ver.di - eine Chance?
Kommentar Raphaela Kirschnick

Das große Friseur-Bashing der ver.di - eine Chance?

Es ist Wahlkampf und da müssen viele dran glauben, die einen weniger, die anderen mehr, Friseure gehören zu den „mehr“! Die Presse nimmt das Thema dankend auf, als gäbe es nur einen Ausbeuter in diesem Land, den Salonunternehmer. Was ist dran, was können wir tun und wie kommen wir endlich aus der Imagefalle?

-> Lesen Sie alle Hintergründe & Kommentare zur ver.di Protestaktion "Das Friseurhandwerk geht baden"

Ein Kommentar von Raphaela Kirschnick

Polemik ist nicht mein Ding, schon gar nicht, wenn es eine recht einseitige Hetze mit sich zieht. ver.di Sekretär Marvin Reschinsky will mit schier 7.000 Friseurauszubildenden an 83 Berufsschulen persönlich gesprochen haben, (siehe ARD Video Report) und hört heraus, dass die Mehrheit der Friseurunternehmer Schwarze Schafe sind und Auszubildende für € 2/Std. als Putzkräfte, Autowäscher und Babysitter ausgebeutet werden und nichts lernen. Na dann!?

Freilich sind Gewerkschaftsaktionen wichtig, um Dialoge anzuregen. Das Instrumentalisieren einer noch recht jungen Gruppe von Menschen jedoch, betrachte ich skeptisch.

Forderung 1 Erhöhung der Ausbildungsvergütung.


Faktisch belegbar!
Die durchschnittliche Vergütung eines Friseurauszubildenden reicht von € 269 im Osten bis zu € 494 im Westen. Der bundesweite Gesamtdurchschnitt aller tariflichen Ausbildungsvergütungen über sämtliche Branchen hinweg liegt bei € 826. Das erschreckt!
Die Attraktivität, die Wertschätzung, die mit einem höheren Gehalt einhergeht, bleibt Image-Knackpunkt unserer Branche.

Mit Innungen und Zentralverband gemeinsam sind alle Arbeitgeber aufgefordert, geradezu verpflichtet, etwas zu bewegen und die meisten scheinen offen dafür, nur warum dauert das so lange?
Das betrifft im Übrigen die Friseurtarife als Ganzes. Jörg Müller, Hauptgeschäftsführer des ZV, betont als Ziel: „Friseure wollen nicht Teil einer Mindestlohnbranche sein … und regelmäßiges Negativbeispiel für Presse, ARD, RTL & Co sein.“ Recht hat er. Nur tut sich seit Jahren viel zu wenig.

Klar, Schmerzen wird es! Höhere Gehälter können nur durch Mehrumsatz und massive Preiserhöhungen generiert werden. Im aktuellen Spiegel Online Interview wird das von der jungen Friseurin Julia Müller aus Kassel betont: „Wir machen doch die Leute glücklich, und deswegen verstehe ich nicht, warum wir so wenig wertgeschätzt werden."

Darauf warten, dass sich irgendwo ein Goldesel auftut, der höhere Mitarbeitergehälter finanziert, wird sich nicht spielen, es muss gehandelt werden. Die Bereitschaft für ein gutes Haarstyling € 100 auszugeben, wird ganz normal, wenn erst mal die Gesamtbranche preislich mitzieht und dann steigt auch das Image exponentiell.
Bereits heute beklagen die Unternehmer den Mitarbeiterschwund, das Überleben vieler Salons ist längst gefährdet, was kann also Schlimmeres passieren.

Forderung 2 Bessere Arbeitsbedingungen


Schwierig! Da betont die ver.di in ihrer Presseaussendung doch glatt Kaffeekochen als arbeitsfremde Tätigkeit. Liebe ver.di, was glauben Sie, wieviel Kaffee am Tag gekocht wird und für wen. Die Aufgabe des Stylisten ist das Wohlfühlen des Kunden und da gehört ein Kaffee dazu, das machen ebenso viele Chefs.

Zweifelsohne gibt es Schwarze Schafe, die ihre Azubis 3 Jahre lang putzen lassen. Dagegen gehört vorgegangen, diese werden spätestens bei Gesellenprüfungen offensichtlich.

Dennoch gehören Rechte & Pflichten in eine gesunde Waagschale geworfen, denn Horrorstories gibt es auf beiden Seiten, die marktrelevanten Geschichten liegen jedoch woanders.

Wer aktuellen Medienberichten quer durch die Presselandschaft folgt, wird seinem Sprössling nur verbieten können, jemals einen Fuß in das berufliche Friseurleben zu setzen. Auf folgenden Seiten werden die negativen Medienberichte gesammelt: www.besser-abschneiden.info/ und www.facebook.de/besserabschneiden

Proportionalität


Die ver.di hat sich überproportional auf Friseure eingeschossen, das hat weitaus weitreichendere Auswirkungen auf unsere Branche und der Wahlkampf ist noch lang.
Wir brauchen eine Gegenkampagne? Müssen wir das nicht als große Chance verstehen?
Die LIV Bayern hat sich die ver.di-Aktion vor Ort angesehen und doch glatt festgestellt, dass die DarstellerInnen im Video gar keine FriseurInnen waren:

Mehr solcher Aktionen brauchen wir! Noch mehr jedoch ist Handeln angesagt!

Was sonst, Innungen und ZV planen Gespräche, das klingt wieder nach endlos politischem Zeitbedarf, bewegen wird sich da so schnell nichts.

FAZIT: So wie immer nicht?

Wie sieht es aus? Schafft es die Branche etwas zu bewegen, echte Tariferhöhungen im hohen Prozentbereich - und das schnell?
Was machen mit Lehrherren, die augenscheinlich nicht vernünftig ausbilden?
Wie kommunizieren, dass es in dieser Branche wirklich tolle Salons gibt, die aus ihren Mitarbeitern viel Tolles herausholen?
Ist es wirklich das duale System, an dem wir festhalten wollen? Sollten wir nicht endlich den Markt für all die spannenden Bestrebungen im „Beautyschool“-Bereich öffnen? Wie in den USA und in GB, vom Assistent zum Star, ohne zeitliche Vorgabe, sondern je nach Talent?



Ich hätte gerne „Nicht so wie immer“, sondern eine dauerhafte Änderung, sichtbar, spürbar und bald.

Ihre Raphaela Kirschnick

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